Politik : „Wir brauchen Mut zur Zukunft“

Der EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber über Sozialreformen und das Selbstverständnis der Kirche

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Im Weihnachtsgottesdienst erreichen Sie die Menschen, die sonst das ganze Jahr nicht in die Kirche gehen. Verändert das die Botschaft, die Sie vermitteln?

Dadurch wird die Botschaft umso wichtiger: Gott wird Mensch und kommt uns Menschen ganz nahe. Das verändert auch unseren Blick auf die Dinge. Aber die Botschaft an Weihnachten ist nicht in erster Linie eine sozialpolitische Botschaft. Weihnachten ist die Zusage der Nähe Gottes und die Dankbarkeit dafür. Es ist eine spannende Entwicklung, dass von Jahr zu Jahr mehr Menschen in die Weihnachtsgottesdienste gehen. Auch bei Taufen, Trauungen oder Trauergottesdiensten hören viele Menschen heute aufmerksamer hin als früher. Damals war die Teilnahme an Gottesdiensten eher eine Gewohnheit, heute ist es oft ein bewusster Schritt. Natürlich hoffe ich jedesmal, dass der eine oder andere auch außerhalb der Weihnachtszeit wiederkommt.

Die Diskrepanz zwischen christlicher Botschaft und der Wirklichkeit ist heute aber größer denn je.

Viele Menschen merken, dass sie eine Landkarte des Verstehens brauchen, die sie sich nicht einfach selber verschaffen können. Weihnachten ist darin eine Grundkonstante. Die Zahl der Menschen wächst, die solche Orientierungspunkte suchen. Die Orientierung, die man für das Leben braucht, ist mit der so häufig beschworenen Wertorientierung noch nicht gegeben. Es reicht nicht zu wissen, was wir tun sollen. Wir müssen auch wissen, wer wir sind und worauf wir hoffen.

Wie müsste diese Orientierung aussehen?

Ich muss wissen: Wo stehe ich eigentlich? Was ist der Grund, auf dem meine Füße Halt haben? Was ist die Zukunftsgewissheit, von der aus ich mit den Unsicherheiten meines Lebens umgehen kann? Das ist das große Thema an Weihnachten 2003: das Verhältnis zwischen der Zukunftsgewissheit, die der Glaube geben kann, und der Sehnsucht vieler Menschen nach Zukunftssicherheit. Wir brauchen einen neuen Mut zur Zukunft. Daraus könnten dann sogar wirkliche Reformen entstehen.

Auf der einen Seite suchen mehr Menschen in der Kirche nach Sinn, auf der anderen Seite hat die Kirche heute weniger Macht denn je. Was heißt das für die Kirche?

Wie war das denn mit der Macht der Kirche in früheren Zeiten? Hatte die Kirche in der Zeit, in der staatliche Verordnungen nach dem Rhythmus des Kirchenjahres vorgelesen wurden, irgendeine Macht? Wir haben immer noch die Ausnahmesituation der Nachkriegszeit vor Augen: Damals galten die Kirchen als die einzigen intakten gesellschaftlichen Verbände. Wir halten das für die Normalsituation von Kirche. Das war es aber nicht. Und allmählich – 1989/1990 war eine Zäsur – haben wir gemerkt, dass keineswegs alle verstanden haben, warum sich die Kirche mit einer eigenständigen Stimme zu Wort meldet. Dass es auch Menschen gibt, die der Kirche mit einer inneren Distanz gegenüberstehen. Sie haben genauso Anspruch darauf, sich bemerkbar zu machen. Jetzt muss die Kirche deutlich machen, warum sie sich äußert. Sie kann nicht automatisch dadurch, dass sie etwas sagt, Autorität beanspruchen. Sie muss begründen.

Die katholische Kirche hat sich gerade zu Wort gemeldet – mit einem neuen Sozialwort. Warum hat sie das diesmal im Alleingang gemacht?

Ich halte es für völlig verkehrt, die jetzige Intervention der katholischen Kirche mit dem gemeinsamen Wirtschafts- und Sozialwort von 1997 zu vergleichen. Und ich berufe mich nicht nur auf den Umfang der beiden Texte, wenn ich sage: Sie sind unvergleichlich. Es ist selbstverständlich, dass die Kirchen nicht so aneinander gekettet sind, dass sie sich nur noch gemeinsam äußern können. Natürlich haben wir über die Vorbereitung dieser Erklärung miteinander geredet. Das Papier befasst sich mit einem Stichwort, das ganz spezifisch aus der katholischen Diskussion hervorgegangen ist: der Beteiligungsgerechtigkeit. Zu einzelnen Aspekten der anstehenden Reformen haben auch wir uns geäußert. Und ich schließe nicht aus, dass wir das auch wieder in einer stärker gebündelten Form tun.

Werden Sie also demnächst mit einem ähnlichen Papier herauskommen?

Eine Ankündigung dieser Art wäre ziemlich unklug. Es hat jetzt gerade erst einen Wechsel beim Rat der Evangelischen Kirche Deutschlands gegeben. Der neue Rat beschäftigt sich mit dem Thema und wird zu gegebener Zeit mit einem eigenen Beitrag wahrnehmbar sein.

Wie steht die Kirche zu den jetzt beschlossenen Reformen, die ja zum Teil Einschnitte in Gewohntes sind?

Wir ermutigen nachdrücklich dazu, Reformen zu wagen, die dazu beitragen, dass wir auch morgen und übermorgen noch von einem Sozialstaat reden können. Das geht nur, wenn wir zu erheblichen Umstellungen bereit sind. Der Alterswandel der Gesellschaft ist die deutlichste Begründung dafür. Wir müssen uns alle fragen, ob wir dieses große Thema nicht viel zu lange verdrängt haben. Bei den Reformen sind wir verpflichtet, darauf zu achten, was sie für die Menschen bewirken, die an den Rand gedrängt werden. Die Reformen müssen so ausgerichtet sein, dass am Ende Alte und Junge vor der Zukunft nicht mehr Angst haben, sondern weniger.

Haben das die in der vergangenen Woche beschlossenen Reformen erfüllt?

Wo wären wir, wenn das Ganze gescheitert wäre? Aber unmittelbar danach wurden schon die nächsten Reformen angekündigt - also die Revision genau der Beschlüsse, die zuvor gefasst wurden. Das Resultat ist, dass die Betroffenen gerade nicht das Gefühl haben, ihnen würde Zukunftssicherheit vermittelt. Sie werden nur von einer Unsicherheit in die nächste gestoßen. Man muss wirklich bereit sein, sich zu Reformen durchzuringen, statt sich mit Reparaturen zu begnügen, bei denen eine auf die nächste folgt. Das darf nicht noch einmal passieren.

Wo liegen die Grenzen der Zumutbarkeit?

Sie liegen dort, wo Menschen nicht mehr imstande sind, ein Leben zu führen, das persönliche Entfaltungsmöglichkeiten einschließt, wo sie also in eine ganz andere Lebenssituation gedrängt werden. Veränderte Rentenbezüge können zu einem wirklichen Armutsrisiko werden. Sozial ist es, jedem Menschen so viel Eigenvorsorge abzuverlangen, wie er auch wirklich leisten kann.

Wohlfahrtsverbände warnen, dass durch die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe 500 000 Kinder zusätzlich in die Armut abrutschen könnten. Ist das Schwarzmalerei?

Gerade bei der Kinderarmut sehe ich eine konkrete Gefahr. Es ist ein schrecklicher Zustand, dass in diesem reichen Land Kinder als Armutsrisiko gelten. Deswegen bin ich traurig darüber, dass Familienpolitik nicht als Kern der Reformbemühungen gesehen wird. Der Mut zur Zukunft zeigt sich doch gerade daran, welche Chancen es in jungen Familien dafür gibt, dass Kinder geboren und mit Freude angenommen werden. Aber für junge Eltern und Alleinerziehende ist die Gefahr, in Armut zu geraten, größer als für Rentner.

Was halten Sie grundsätzlich von der Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe?

Die Grundidee dabei heißt, dass das Arbeitslosengeld verkürzt werden kann. Das geht aber nur dann, wenn es eine faire Chance für den Betreffenden gibt, innerhalb dieses Zeitraums wieder eine bezahlte Arbeit zu finden. Aber die gibt es für ältere Arbeitslose in diesem Land überhaupt nicht. Viele Betriebe sind sogar stolz darauf, dass sie keine Arbeitnehmer über 50 beschäftigen – das gilt als Qualitätsnachweis. Gleichzeitig verkürzen wir die Bezugszeiten des Arbeitslosengeldes für ältere Arbeitslose. Das ist für mich ein schreiender Widerspruch. Damit können wir uns nicht abfinden.

Bei der EKD stehen ebenfalls große Reformen an, durch Zusammenlegungen von Landeskirchen beispielsweise. Wie geht dieser Prozess nun weiter?

Ich wünsche mir, dass unsere Verbindung mit der Evangelischen Kirche der schlesischen Oberlausitz ermutigend wirkt. Thüringen und die Kirchenprovinz Sachsen sind schon nah dran, auch Mecklenburg und Pommern sind im Gespräch. Ich vermute, dass eines Tages der Funke auch in den Westen Deutschlands überspringt. Gemeinsam betreiben wir das große Projekt, die Evangelische Kirche in Deutschland als die gemeinsame Vertretung der Landeskirchen insgesamt zu stärken und die kirchlichen Zusammenschlüsse dem einzuordnen.

In der Öffentlichkeit gibt es den Eindruck, dass die katholische Kirche mit einer Stimme spricht und die evangelische mit vielen. Wird sich das in Ihrer Amtszeit ändern?

In der evangelischen Kirche sind Pfarrer und Christen, die Experten in anderen Feldern sind, gleichberechtigt; Bischöfe sind dabei eingeschlossen. Das ist eine Grundidee der Reformation. Nur von ihr ausgehend kann und muss man fragen, wie diese Stimmen zusammengeführt werden. Das ist nicht immer optimal gelöst worden. Aber die verstärkte Einheit der EKD darf nicht dazu führen, dass die Pluralität der Stimmen innerhalb der evangelischen Kirche keinen Ort mehr hätte. Das wäre keine neue Stärke, sondern ein Verlust.

Welche Rolle spielt für Sie der Dialog mit Muslimen? Wie oft sprechen Sie mit Muslimen über das Miteinander der Religionen?

Ich treffe zu selten mit Muslimen zusammen und mit zu wenigen. Der Kreis der Gesprächspartner ist sehr eingeschränkt. Und es gibt zu viele Bereiche des Islam, mit denen wir nicht den Kontakt haben, der wünschenswert wäre. Das ist ein ganz großes Problem, an dem wir arbeiten müssen.

Haben Sie eine persönliche Hoffnung für das neue Jahr?

Ich hoffe, dass die Botschaft, die der Kirche anvertraut ist, die Menschen besser und wirksamer erreicht, dass mehr Menschen mit Zukunftsgewissheit ihr eigenes Leben in die Hand nehmen – und gleichzeitig wissen, dass keiner von uns das Leben für sich alleine hat.

Das Gespräch führten Gerd Appenzeller, Claudia Keller und Claudia von Salzen, die Fotos machte Christian Schroth.

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