Politik : Wir brauchen Regeln

IN– UND AUSLÄNDER

-

Von Giovanni Di Lorenzo

Nur Menschen, die nicht recht bei Trost sind, würden heute noch leugnen, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Im Großen und Ganzen funktioniert das Miteinander. Die meisten Ausländer sind Bürger, die hier Auskommen und Anerkennung finden. Und die meisten Deutschen sind nicht feindselig und haben sich an Fremdes gewöhnt. Obwohl Gegensätze in Berlin aggressiver aufeinanderprallen als in anderen Städten, ist der Umgang damit recht pragmatisch. Wenn Ärger aufkommt, dann schlägt er selten in grundsätzliche Ablehnung um, sondern macht sich an konkreten Missständen fest.

Es gibt aber ein Konfliktpotenzial, das deswegen gefährlich ist, weil seine Ursachen oft verquer oder von den Falschen, von rechten Agitatoren, thematisiert werden. Nicht wenige Deutsche, die wir nach ihren Erfahrungen fragten, wollten kein kritisches Wort zum Abdruck freigeben. Der Knebel der Correctness droht Probleme zu tabuisieren, über die sich viele Bürger zu Recht erregen: die hohe Kriminalität, auch unter Kindern von Einwanderern. Die mangelnde Bereitschaft, deutsch zu lernen. Gegenden, in denen sich Deutsche als Minderheit fühlen.

Wir haben Einwanderung vor allem zugelassen, um fehlende Arbeitskräfte für schlecht bezahlte Berufe zu finden. Mehr als 80 Prozent der Türken in Berlin entstammen der Unterschicht. Es wäre vermessen, von ihnen das Feingefühl von Waldorf-Schülern zu erwarten. Aber auch sie, nicht nur die Deutschen, haben eine Bringschuld. Schließlich ist es das Prinzip jeder Einwanderung, durch Leistung ein besseres Leben als in der Heimat zu erlangen. Und es ist nicht nur legitim, sondern unerlässlich, dass Regeln gelten: die Einhaltung der Gesetze, der Respekt vor der anderen Kultur, die Anerkennung der Demokratie, der Religionsfreiheit, der Gleichheit von Mann und Frau.

Ganz und gar nicht selbstverständlich ist es aber in Deutschland, auf die konsequente Einhaltung dieser Regeln zu pochen, vielleicht aus Gleichgültigkeit und oft aus Angst, in die falsche politische Ecke gedrängt zu werden. Doch gerade die Eliten sollten darauf drängen – um mehr Öffnung und Akzeptanz zu ermöglichen. Je mehr Vielfalt, desto fester muss das Regelwerk sein. Auch im Interesse der Ausländer: Sie können Motor für Aufbruch und Veränderung sein, die jede Gesellschaft, gerade eine alternde, braucht. Diese Ausgabe zeigt eben auch, welches Potenzial in vielen Ausländern steckt. Das uns alle bereichern kann.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben