Politik : „Wir brüten Extremismus aus“

Der jordanische Prinz Hassan bin Talal über irakische Flüchtlinge und seinen Traum vom Frieden

Sehr viele Iraker sind in letzter Zeit nach Jordanien geflohen. Welche Folgen hat das für die Stabilität Ihres Landes?

Die Preise für Lebensmittel und Konsumgüter sind stark angestiegen. Wir haben Probleme mit der Energieversorgung aller dieser Menschen. Für Jordanien, aber auch für Syrien wird es zunehmend schwierig. Beide Länder haben einen Punkt erreicht, wo sie nicht noch mehr Flüchtlinge aufnehmen können. Alle Arten von Spannungen wachsen, zwischen Sunniten und Schiiten, zwischen Irakern und Jordaniern, zwischen Palästinensern und Irakern, zwischen Christen und Muslimen. Mit einer solchen Situation brüten wir den Extremismus aus, den wir angeblich so stark fürchten.

Macht Jordanien also seine Grenzen dicht?

Das ist im Moment schwierig zu sagen.

Fühlen Sie sich von der Weltgemeinschaft im Stich gelassen?

Nehmen Sie zum Beispiel die Schulbildung für die Flüchtlingskinder. Es gibt noch nicht einmal Ansätze vonseiten der Vereinten Nationen, die Schulbildung zu organisieren und zu finanzieren. Die Lage in den Schulen ist einfach untragbar. Die USA haben uns bislang 27 Millionen Dollar für provisorische Unterkünfte zur Verfügung gestellt – ein winziger Bruchteil dessen, was sie der Krieg im Irak kostet.

Wann rechnen Sie damit, dass die geflohenen Iraker zurückkehren können?

Wenn sich die amerikanischen Truppen in einem Zeitraum von zwei bis drei Jahren zurückziehen, heißt das noch lange nicht, dass dann Stabilität und Frieden einziehen. Wer und wie viele von den Flüchtlingen zurückkehren können, hängt auch von der Situation zwischen Sunniten und Schiiten ab. Ich fordere eine internationale Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit im Nahen und Mittleren Osten, die sich mit diesen Problemen befasst. Wenn wir das nicht machen, werden sich bald Extremisten die Armut und Frustration der Flüchtlinge zunutze machen.

Eine Lösung könnte sein, dass sich die sunnitischen Provinzen im Westen des Irak mit Jordanien vereinen?

Darüber gibt es viele Spekulationen, alle sind sehr gefährlich. Und keine basiert auf Fakten. Aber wir könnten eine weiter balkanisierte Situation bekommen, wenn Bevölkerungsgruppen den Eindruck haben, dass ihre Zukunftsinteressen nicht berücksichtigt werden. Das gilt nicht nur für die Teilhabe am Ölreichtum, das gilt auch für die Teilhabe an den Wasservorkommen. Unsere Gesellschaften müssen sich wandeln. Wir brauchen eine Stärkung der Demokratie. Europa hat sehr viel Erfahrungen mit solchen Transformationsprozessen. Nehmen Sie die Staaten des Balkans. Wer hätte vor zwölf Jahren gedacht, dass sie sich heute für eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union bewerben?

Wie sieht Ihre Vision für den Nahen Osten aus?

Ich gehe dabei zurück zu der Konferenz in Versailles im Jahr 1919. Damals gab es, bevor ein einziger Schuss zwischen Israelis und Arabern gefallen war, die Vision einer Zusammenarbeit beim Wiederaufbau einer Region, die sechshundert Jahre osmanische Herrschaft hinter sich hatte. An diese Idee knüpfe ich meine Hoffungen für die Zukunft. Wir müssen supranationale Institutionen schaffen wie in Europa. Und ich träume von einem Nahen Osten, der mit sich und mit der Welt in Frieden ist. Aber das ist wohl zu romantisch.

Das Gespräch führten Rolf Brockschmidt und Martin Gehlen.

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