Politik : …wir eine neue Vokabel lernen

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In den letzten Tagen sind wir alle kleine Rentenexperten geworden – und haben gelernt, dass das Rentenproblem eigentlich keins ist. Wenn die Arbeitgeber nur endlich wieder mehr Kohle an ihre Leute überweisen würden, dann bliebe auch ordentlich was in der Rentenkasse hängen. Dafür ist auch der Kanzler. Hallo, Arbeitgeber?

Wie es scheint, wollen die einfach nicht, obwohl die Zeit drängt. Also drängen neue Lösungsmodelle nach vorn, und das allerneuste hat sogar einen hübschen englischen Namen: Opting out. Das klingt natürlich schon an sich äußerst kompetent und clever, es unterscheidet den Profi vom Rentenamateur, aber was bedeutet es? Wir denken an den „Starter Kit“ (zu deutsch: Anlasserbausatz), der uns den ersten Euro versüßte, kratzen Vokabelrestvermutungen zusammen, „Brille absetzen“, nein, das ist es nicht, die Optiker können beruhigt sein. Wer outoptet, der setzt sich gegen den sanften Zwang des Staates zur Wehr.

Das geht so: Hey, sagt der Staat, wir schließen jetzt mal für dich eine von diesen klasse RiesterRenten ab, die freiwillig keiner will, und wenn du dagegen bist, musst du innerhalb von zwei Wochen Bescheid sagen. Eben outopten. Das, so sieht man es unter Experten, ist dem Durchschnittsbürger aber lästig, er schiebt den Gedanken beiseite und zack ist er auskömmlich versichert. Dank staatlicher Klugheit darf er einem Lebensabend aus eitel Milch und Honig entgegensehen.

Der Begriff dürfte dabei ein Mittel zum Zweck sein. „Abwählen“ klingt im Vergleich so direkt, so unangenehm deutsch, hätte also Aufforderungscharakter. Eine wichtige flankierende Maßnahme bestünde darin, konsequent auch aus der Riester-Rente eine „Riester pension“ zu machen, nur echt mit weichem sch, Pendschen.

Im Übrigen liegt in diesem Prinzip der Schlüssel zum wirtschaftlichen Erblühen des Landes. Wer mehr als, sagen wir, 3000 Euro netto hat und nicht rechtzeitig outoptet, der kriegt ein neues Auto vor die Tür gestellt, Benz, BMW, Audi, egal. Auch die leidige Frage der sinkenden Wahlbeteiligungen ist damit gelöst. „Lieber Herr X“, schreibt das Wahlamt ein paar Tage vorher, „wir haben für Sie schon mal die SPD angekreuzt. Einverstanden?“

Tja, und wer nicht einverstanden ist, der muss outopten. Und jetzt alle! Ich outopte, du outoptest, wir/ihr/sie outopten. Na bitte, geht doch schon ganz prima. bm

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