Politik : Wir entdecken: uns

Von Bas Kast

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Eine Entdeckung beflügelt die Fantasie. Astronomen haben den ersten bewohnbaren Planeten außerhalb unseres Sonnensystems aufgespürt, eine zweite Erde. Sie ist 20 Lichtjahre von uns entfernt, das sind 200 Billionen Kilometer. Eine ziemlich lange Strecke. Sorry also an all jene, die schon immer mal diesen Planeten verlassen wollten. Wir können da nicht hin.

Aber wir wissen: Da ist etwas. Nur was? Und was bedeutet das? 200 Billionen Kilometer – geht uns das überhaupt etwas an?

Ja! Diese Entdeckung berührt uns im Innersten. Sie könnte ändern, wie wir uns selbst sehen – und fühlen.

Es gab einmal eine Zeit, da fühlte sich der Mensch als Zentrum des Universums. Alles drehte sich um ihn, sogar die Sonne. Dann kam Kopernikus und verkündete: Wir sind nicht das Zentrum, wir sind es, die sich um die Sonne drehen. Kopernikus warf uns aus dem Mittelpunkt des Alls und degradierte uns zu einem kosmischen Randphänomen. Vorbei war’s mit der Sonderstellung.

Obwohl – hier auf Erden waren wir immer noch Krone der Schöpfung, Stellvertreter Gottes. Bis Darwin kam und auch dies als Illusion entlarvte. Nicht von Gott stammten wir ab, legte er uns nahe, sondern vom Affen. So wurden wir zu einem Teil der Tierheit.

Und doch, wir blieben ein besonderes Tier. Animal rationale, das Tier mit dem Grips. In unserem Kopf herrschte, anders als bei den triebgesteuerten Tieren, der Verstand – bis Sigmund Freud kam und uns vorführte, dass wir nicht einmal „Herr im eigenen Hause“ sind. Der bewusste Verstand, sagte Freud, ist nur die Spitze des Eisbergs, darunter, im Unbewussten, brodeln die Triebe und Traumata, sie sind die heimlichen Herrscher. Umwälzende Erkenntnisse, so scheint es, gehen oft auf sonderbare Weise mit einer Kränkung einher, mit einer Degradierung.

Und jetzt das: eine zweite Erde. 200 Billionen Kilometer Entfernung, gewiss, da ist viel Raum für Fantasien. Auch ist diese Entdeckung nicht eine wie von Kopernikus & Co. Dennoch ist ihre Richtung ähnlich: Sie verstärkt unsere Ahnung, dass wir nicht einzig im Universum sind.

Das Universum zählt mindestens 100 Milliarden Galaxien, jede Galaxie wiederum enthält 100 Milliarden Sonnen. Allein unsere Galaxie, die Milchstraße, hat einen Durchmesser von 100 000 Lichtjahren. Wir haben also gerade mal einen flüchtigen Blick in die nächste Nachbarschaft geworfen – und schon eine zweite Erde gefunden.

Zwar durften wir bei den genannten astronomischen Zahlen schon länger davon ausgehen, dass wir nicht allein sind. Jetzt jedoch wird dieses abstrakte Wahrscheinlichkeitsspielchen von einer konkreten Entdeckung begleitet. Vermutlich gibt es zahlreiche „Erden“. Und dass das Leben nur auf unserer einen Weg gefunden haben sollte – das ist wohl eher Ausdruck unserer Sehnsucht nach Sonderstellung als Realität. Nein, wir sind wahrscheinlich nicht allein.

Was heißt das nun? Eine weitere Demütigung? Vielleicht eher der Weg zu Demut. Darin liegt doch die Ironie solcher Entdeckungen: Wir sind es, die sie machen. Wir mit unserem Verstand schaffen es, zu erkunden, was in 200 Billionen Kilometer Entfernung vor sich geht. Wir erkennen, dass wir keine Ausnahme sind, sondern Teil von etwas unermesslich Großem. Das ist das Faszinierende an Entdeckungen dieser Dimension: Sie machen uns, das Tier mit dem bisschen Grips, so klein – und zugleich so groß.

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