Politik : „Wir erwischen sie alle“

Israel droht im Fall des entführten Soldaten der palästinensischen Hamas-Regierung mit dem Sturz

Charles A. Landsmann[Tel Aviv]

Die Entführung eines israelischen Soldaten in den Gazastreifen gefährdet die palästinensische Regierung der radikalislamischen Hamas. Falls der 19-jährige Rekrut Gilad Schalit nicht bald und am Leben an Israel übergeben wird, droht Ministerpräsident Ehud Olmert mit dem Einmarsch der israelischen Armee in den Gazastreifen und einer Jagd auf die Hamas-Führung. „Wir erwischen sie alle. Wo immer sie sind. Und sie wissen das. Es gibt für niemanden Immunität.“ Mit diesen Worten drohte Israels Regierungschef am Montag der palästinensischen Regierung und Führung der radikalislamischen Hamas-Bewegung. Er habe der Armee darüber hinaus befohlen, sich auf eine „umfassende und anhaltende militärische Aktion“ gegen Terroristen und deren Hintermänner vorzubereiten. Einen Tag nach der Entführung des israelischen Soldaten meldeten militante Palästinenser derweil eine weitere Geiselnahme. Das Komitee des Volkswiderstandes habe auch einen israelischen Zivilisten in seine Gewalt gebracht, erklärte ein Sprecher der militanten Gruppe am Montagabend. Das Komitee des Volkswiderstands ist eine von mehreren Gruppen, die sich zu der Entführung Schalits bekannt hat.

Entlang des Gazastreifens sind größere Truppenkonzentrationen festzustellen. Israel will weder mit den Entführern verhandeln und erst recht nicht auf deren Forderungen eingehen – vermutlich Massenfreilassungen von palästinensischen Häftlingen und Verzicht auf Anklageerhebung gegen Untersuchungshäftlinge. In ähnlichen Fällen versuchte man innerhalb der ersten 48 Stunden nach der Entführung mit diplomatisch-politischen Mitteln die Freilassung zu erreichen – die entsprechende Frist liefe an diesem Dienstagmorgen ab –, bevor man militärische Optionen in Betracht zog.

Der Soldat war von Palästinensern nach einer Attacke auf einen Armeeposten am Sonntagmorgen in den Gazastreifen verschleppt worden. Ein anonym bleiben wollender Sicherheitsverantwortlicher fasste die Drohung des Premiers so zusammen: „Wir werden dafür sorgen, dass die Hamas-Regierung zu funktionieren aufhört, falls der entführte Soldat uns nicht lebend zurückgegeben wird.“ Die Hamas hatte schon vor Olmerts Erklärung exakt mit diesem Szenario gerechnet. Deshalb bemühte sich ihr Regierungssprecher Razi Hamad in bestem Hebräisch im israelischen Radio um Deeskalation. Laut seinen Informationen sei der entführte Soldat Gilad Schalit gesund, in guter Verfassung und werde gut behandelt. Seine Regierung wolle die Krise „schnell und ruhig beenden“, um Schlimmeres zu vermeiden. Falls Israel seinerseits eine Eskalation vermeide, könne bestimmt eine Lösung gefunden werden. Seine Regierung stehe mit allen Gruppierungen in Kontakt, um eine Freilassung des Entführten zu erreichen. Allerdings verweigerte Hamad die Antwort auf die Frage nach der Identität der Entführer. Er habe auch keinerlei Kenntnis von irgendwelchen Forderungen der Entführer.

In höchsten israelischen Regierungs- und Armeekreisen macht man die Hamas-Regierung verantwortlich für die Entführung und das Schicksal Schalits. Denn die Attacke auf den Grenzposten Kerem Schalom am südlichen Ende des Gazastreifens, bei dem zwei israelische Soldaten und zwei Angreifer getötet und Schalit entführt worden sind, wurde offenbar unter Hamas-Führung verübt. Es ist immer noch nicht klar, in der Gewalt welcher Gruppierung der Soldat sich befindet. Es scheint allerdings, dass die extremistischen Volkswiderstandskomitees (PRC), hinter denen man besonders militante Hamas- und Fatah-Kämpfer vermutet, die wiederum an der Attacke beteiligt waren, Schalit im Gazastreifen festhalten. Diplomaten im Gazastreifen, welche an intensiven Verhandlungen beteiligt sind, erklärten, sie wüssten sowohl wo sich Schalit befindet als auch in wessen Gewalt. Frankreichs Botschafter in Israel betonte, seine Regierung bemühe sich um die Freilassung Schalits, der auch die französische Staatsbürgerschaft besitzt. Meldungen, wonach Schalit auf den Golanhöhen wohne, es sich also um einen Siedler handle, sind nicht nur falsch, sondern gefährden sein Leben.

Israel sprengte den Tunnel, durch den das achtköpfige Kommando aus dem Gazastreifen auf israelisches Territorium vordrang. Der Tunnel war nicht, wie ursprünglich vermutet, rund 100 Meter, sondern 800 Meter lang. Eine Untersuchungskommission unter dem bisherigen Chef des nationalen Sicherheitsrates, General Giora Eiland, soll klären, wie es zu der Attacke kommen konnte, die von vielen Palästinensern als „Wiederherstellung der nationalen Würde“ gefeiert wird.

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