Politik : "Wir führen keinen Krieg gegen das Volk"

CHRISTOPH VON MARSCHALL

Die NATO hat bei ihren Luftangriffen bisher kein Ziel bekämpft, bei dem sie bewußt Menschen und Zivilgebäude gefährdet.Eine "dritte Phase, bei der wir Nebenschäden in Kauf nehmen, müßte von der Allianz politisch beschlossen werden", sagte Oberst Konrad Freytag, Sprecher des Oberbefehlshabers Europa, im Gespräch mit dem Tagesspiegel."Wir führen keinen Krieg gegen das Volk.Die Durchschnittsserben haben zu 80 Prozent auch heute noch, was sie zum Leben brauchen - Heizung, Strom und Wasser eingeschlossen."

Eine militärisch relevante Transformatoren-Station habe die NATO aus Rücksicht auf die Zivilbevölkerung nicht zerstört, sondern nur mit Graphitbomben "gelähmt", um die Luftabwehr durch Stromentzug für die Zeit der Angriffe lahmzulegen."Das läßt sich in wenigen Stunden reparieren." Bei der Planung von Angriffen auf die Stromversorgung achte die Allianz darauf, daß keine Krankenhäuser ohne Notstromaggregate betroffen seien.

Die gesamte Zielplanung sei von allen 19 NATO-Staaten genehmigt worden; die Vorgabe sei, Nebenschäden für Menschen und zivile Infrastruktur zu vermeiden, betonte Freytag.Beispielsweise werde die Raffinerie in Novi Sad fünfmal angegriffen: "nicht, weil wir nicht in der Lage wären, sie auf einen Schlag auszuschalten, sondern um den Grad der Zerstörung weitgehend zu kontrollieren." Die Politik könne jederzeit eingreifen."Bisher deutet aber nichts darauf hin, daß die Politik uns sagt: Hört auf! Die Stimmung ist eher: Wenn wir die Balkan-Krise jetzt nicht lösen, wird es keine Neuordnung für eine friedliche Zukunft geben."

Nach Freytags Worten plant die NATO ihre Luftangriffe auf zwei Ebenen: einer taktischen und einer strategischen.Taktisch bemühe sich die Allianz, der serbischen Armee, der Sonderpolizei und den paramilitärischen Verbänden im Kosovo "eine Niederlage nach der anderen zu bereiten.Sie sollen nicht mehr in der Lage sein, Menschen zu vertreiben, Dörfer zu zerstören, Frauen zu vergewaltigen und zu plündern." Die Ziele seien mobile Kommandozentralen, Unterstände, Munitions- und Treibstoff-Depots, das Telefon- und Funknetz, die örtliche Luftraumüberwachung und Luftabwehr sowie Panzer und Militär-Lkws.300 Panzer und Artilleriestellungen seien bereits zerstört.

Auf der strategischen Ebene werde "die Fähigkeit Belgrads, mit der Truppe zu kommunizieren, beeinträchtigt".Seit der Bombardierung des Innenministeriums und des Generalstabsgebäudes sei die Führungsfähigkeit stark eingeschränkt.Die Luftangriffe hätten den strategischen Nachschub von Rohöl und raffinierten Treibstoffen, die Fahrzeugproduktion, die Energiezufuhr und die Transportmöglichkeiten deutlich reduziert: die Raffinerie-Kapazität auf 30 Prozent, die Depotkapazität auf die Hälfte."Von acht Donaubrücken sind fünf nicht mehr passierbar, der gesamte Nord-Süd-Verkehr muß jetzt über Belgrad laufen." Von 140 Flugzeugen seien 70 zerstört.

Freytag bedauerte die irrtümlichen Treffer auf einen Zug, einen Flüchtlingstreck, ein Wohngebiet in Surdulica, gestern auf einen Bus sowie vergangene Woche die fehlgeleitete Rakete in Sofia.Angesichts von 15 000 Flugeinsätzen, davon ein Drittel reine Kampfeinsätze, seien "fünf Fehlwürfe eine äußerst geringe Quote"."Die westliche Öffentlichkeit ist einer erheblichen Propaganda und Fehlinformation aus Serbien ausgesetzt." Bisher wisse man aus keiner unabhängigen Quelle, wer tatsächlich in dem Zug und in dem Bus gesessen habe.Bekannt sei, daß dort vor allem militärischer Verkehr stattfinde.Wenn Belgrad Bilder mit angeblich zivilen Opfern am Unglücksort zeige, "dann gibt uns schon zu denken, daß wir Bilder von Massengräbern haben, die plötzlich wieder leer waren".

Die Allianz müsse weiter mit einer "robusten Flugabwehr" rechnen.Beim abgestürzten "Tarnkappenbomber" F 117 ständen die Chancen "50 zu 50, daß er abgeschossen wurde".Bei der am Wochenende verlorenen F 16 sei klar, daß serbischer Beschuß den Triebwerksschaden ausgelöst habe.

Die "größte Sorge" der NATO betreffe die Flüchtlinge - "nicht die, die das Kosovo verlassen können; deren Versorgung kann man in den Griff bekommen".Beunruhigend sei die Lage der 400 000 Flüchtlinge im Kosovo, "die in den Wäldern leben und nichts zu essen und zu trinken haben".Da die serbischen Truppen Flüchtlinge mal an die Grenze vertreiben, mal wieder zurück, sei es kaum möglich, sie aus der Luft zu versorgen.Zudem wollten manche Hilfsorganisationen der Allianz nicht sagen, welche Wege sie mit den Flüchtlingen wählen, um ihre politische Unabhängigkeit zu bewahren."Dann können wir das bei unseren Planungen nicht berücksichtigen."

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben