Politik : "Wir führen seit Jahren Gespensterdebatten" - Arbeitsmarktexperte Scheremet in Gespräch

Brauchen wir anstatt einer Debatte über die G

Wolfgang Scheremet (38), Diplom-Volkswirt, arbeitet seit zehn Jahren im Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung als Experte für Arbeitsmarkt und internationale Konjunktur.

Brauchen wir anstatt einer Debatte über die Green Card eine über Einwanderungspolitik?

Es gibt bei der Frage eine politische und eine rein ökonomische Dimension. Die deutsche Bevölkerung ist eine schrumpfende, Zuwanderung kann bei der Alterssicherung zumindest helfen. Zudem kann man sagen, dass in Zeiten des Strukturwandels, also wenn wir in Bereichen Arbeitskräfteknappheit haben, kontrollierte Zuwanderung helfen kann.

Wir kann die Wirtschaft denn profitieren?

Zunächst kann die Gesellschaft profitieren. Einwanderung hilft, unser demographisches Problem zu lösen. Dann kann die Volkswirtschaft profitieren. Denn jeder Mangel behindert Wachstum. Jeder, der nach Deutschland kommt und eine unbesetzte Stelle einnimmt, beschleunigt das Wachstum.

Besteht denn nur in der IT-Branche Bedarf nach Fachkräften oder auch woanders?

Es gibt immer in vielen Bereichen Arbeitskräfteknappheit, in der IT-Branche ist sie vielleicht am drängendsten. Aber im allgemeinen ist die Industrie an dieser Entwicklung nicht unschuldig, es gibt schon genügend Fachkräfte, aber sie sind entweder falsch ausgebildet oder gar nicht ausgebildet worden. Die Unternehmen wollen sparen, Ausbildung ist ein Bereich, wo man Kosten einsparen kann. Man kann den Unternehmen auch vorwerfen, den Strukturwandel nicht vorausgesehen zu haben und nicht in Ausbildung investiert zu haben.

Braucht die Wirtschaft nicht auch Arbeiter im Niedriglohnsektor?

Meine Alternative wäre, die Grenzen für die Produkte der Länder ausländischer Billigarbeiter zu öffnen, dann könnte dort produziert und Einkommen erwirtschaftet werden.

Was sollte die Regierung jetzt tun?

Sie ist noch zurückhaltend, wahrscheinlich weil sie die Reaktionen fürchtet. Aber wir führen seit Jahren Gespensterdebatten, weil wir de facto ein Einwanderungsland sind. Wir diskutieren aber nach dem Motto, was nicht sein darf, das ist nicht. Wir müssen uns damit abfinden, dass wir ein Einwanderungsland sind. Rot-Grün sollte auf dem eingeschlagenen Weg weitergehen und eine gezielte Einwanderungspolitik betreiben. Sie sollte aber von zeitlichen Befristungen absehen. Das ist unmenschlich.Das Interview führte Armin Lehmann

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