Politik : „Wir haben eine demokratische Tradition“

Wie der schiitische Oppositionsführer Ajatollah al Hakim die Zukunft des Irak und die Rolle der USA sieht

Andrea Nüsse[Teheran]

DER IRAK ZWISCHEN KRIEG UND FRIEDEN

Der irakische Ajatollah Mohammed Bakr al Hakim lebt in seinem iranischen Exil eigentlich im Freundesland. Dennoch bewachen hochgewachsene, bärtige Männer in paramilitärischen Uniformen mit Maschinengewehren das Hauptquartier des Obersten Rates für eine islamische Revolution im Irak (Sciri) in einer Seitenstraße im Zentrum Teherans. Sie gehören zum militärischen Flügel der Organisation, zu den Badr-Brigaden. Der 64-jährige schiitische Geistliche, der aus einer der angesehensten Theologen-Familien Nadschafs stammt und heute Führer der Oppositionsgruppe ist, wirkt im Gespräch jedoch gelassen. Er weiß, dass er im Nachkriegs-Irak wohl eine entscheidende Rolle spielen wird.

Der schwarze Turban, der im Kontrast zu dem schmalen, bleichen Gesicht und dem grauen Bart steht, weist ihn als direkten Nachkommen des Propheten Mohammed aus. Sein Vater war Großajatollah der irakischen Schiiten, fünf seiner Brüder wurden von Saddam Hussein ermordet. Seit 1980 hat al Hakim eine der am besten organisierten irakischen Oppositionsgruppen aufgebaut.

„Wir wollen eine Demokratie, die den Islam respektiert“, erklärt al Hakim, dessen Bruder bereits in den Irak zurückgekehrt ist und am Montag am Treffen irakischer Oppositionsgruppen mit den Amerikanern teilnahm. Das islamische Recht, die Scharia, soll als „Hauptquelle“ der Gesetzgebung in der neuen Verfassung festgeschrieben werden, jedoch nicht die einzige sein. Darauf hätten sich alle Oppositionsgruppen bei ihren Vorkriegstreffen in London geeinigt, sagt al Hakim – und will damit klarstellen, dass nicht nur seine Organisation diese Ansicht vertritt.

Al Hakims Nähe zur iranischen Herrschaft der Geistlichen macht ihn in den Augen der Regierung in Washington verdächtig, im Irak ein ähnliches Regime aufbauen zu wollen. Im Eingang des Sciri-Sitzes hängt das Foto, das al Hakim zusammen mit Ajatollah Chomeini und dessen Nachfolger Chamenei zeigt. Die verschiedenen religiösen und ethnischen Gruppen des Irak müssten respektiert werden, betont der Geistliche, der von sich selbst sagt, er sei ein „Mann der Religion, der etwas von Politik versteht“. Auf die Frage, was er anders machen wolle als in Iran, dem einzigen Land, in dem die Schiiten an der Macht sind, antwortet er ausweichend. Man gehöre zwar der gleichen Familie an, aber die einen seien Perser und die anderen Araber, und es gebe „Unterschiede in der Interpretation der islamischen Quellen“. Beobachter vermuten, dass al Hakim seine Noch-Gastgeber nicht mit zu offenen Worten irritieren will. Der künftige Präsident des Irak müsse kein Schiite sein, sagt al Hakim. „Die Menschen sollen ihre Führer frei wählen.“ Allerdings weiß der ältere Herr nur zu gut, dass etwa 60 Prozent der Iraker Schiiten sind und sie wahrscheinlich entsprechend religiöser Zugehörigkeiten ihre politischen Führer wählen werden.

Der Ansicht, dass die irakische Bevölkerung keine Erfahrungen mit Demokratie habe, widerspricht al Hakim freundlich, aber bestimmt. „Sie haben zwar keine Erfahrung in westlicher Demokratie, aber die Schiiten haben eine jahrhundertelange eigene demokratische Tradition, da sie ihren obersten Religionsgelehrten immer direkt gewählt haben.“ Daher hätten die Schiiten eine weitaus demokratischere Tradition als die Sunniten. Dies sei auch bei den Trauerfeiern vergangene Woche in Kerbela deutlich geworden: „Ohne Regierung und ohne Armee sind Millionen Schiiten friedlich zusammengekommen. Die Menschen in Kerbela haben einfach ihre Haustüren geöffnet und Pilger mit Essen versorgt.“ Bei der Erinnerung an diese Bilder, die Ajatollah al Hakim im Fernsehen verfolgt hat, glänzen seine Augen, er kann seine Freude und seinen Stolz kaum verbergen. „Die Botschaft war religiös und politisch zugleich. Die politische Botschaft lautete: Wir sind frei, wir sind geeint und wir können uns selbst organisieren.“ An die Adresse der USA gerichtet ergänzt er: „Warum bräuchten wir also jemanden von außen, der uns ein System auferlegt?“ Doch der Mann, der nie ein unbedachtes Wort zu sagen scheint, hält sich mit seiner Kritik an den USA zurück. „Sie haben begonnen zu verstehen, dass sie den Aufbau von Strukturen den Irakern überlassen müssen“, sagt er. „Und wir bitten unseren Gott, dass sie das wirklich begreifen.“ Das sei auch im Interesse der USA, denn nur so könnten sie verhindern, dass sie selbst zum Problem würden, anstatt die Probleme des Irak zu lösen. Obwohl mit Bedacht formuliert, kann man dies als eine indirekte Drohung verstehen.

Wann er selbst in den Irak zurückkehren wird, sagt Ajatollah al Hakim nicht. „So bald wie möglich.“ Ein Mitarbeiter sagt später, es könnte noch diese Woche sein.

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