Politik : „Wir haben gebaut, wir bleiben“

Die neue Synagoge in München ist eröffnet. Der Bundespräsident wünscht sich, dass sie bald selbstverständlich wird

Mirko Weber[München]

Mit Charlotte Knobloch, die damals noch Neuland hieß, waren es gerade noch 89. 89 Juden lebten nach Kriegsende noch in München. Heute sind es 9000. Charlotte Knobloch ist Präsidentin der Israelischen Kultusgemeinde in München, und sie ist auch die Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland. Für die eine wie die andere Zahl liefert der 9. November den historischen Hintergrund. Vor 68 Jahren wurde auf Hitlers Befehl in München die Synagoge an der Herzog-Rudolf-Straße abgerissen. Und vor 17 Jahren fiel in Berlin die Mauer. Seitdem sind circa 5000 Juden, hauptsächlich aus Osteuropa, in München sesshaft geworden.

Mittlerweile ist die Jüdische Gemeinde nach Berlin die zweitgrößte in Deutschland. Seit dem 9. November 2006 hat sie neben einem Gemeindezentrum, Kindergarten, Sporthalle, Grundschule, Cafés und einem 2007 noch zu eröffnenden Museum wieder eine repräsentative, architektonisch sehr schöne Synagoge, mitten in der Münchner Altstadt auf dem Jakobsplatz unweit des Viktualienmarkts. Am Donnerstag öffnete der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude deren Tür.

Hätte es den Zuzug und den Oberbürgermeister nicht gegeben, würde die Jüdische Gemeinde, der Charlotte Knobloch in München seit nunmehr 21 Jahren vorsteht, wahrscheinlich immer noch ein Dasein fristen, das man als Nischenexistenz bezeichnen müsste. Allenfalls einen Außenbezirk hatte die bayerische Hauptstadt der Gemeinde für einen Neubau der Synagoge ursprünglich in Aussicht gestellt: Aubing oder Perlach hätte der Standort geheißen. Da aber waren Charlotte Knobloch und Christian Ude vor. Letzterer machte die Frage gleich zu Beginn seiner Amtszeit zur Chefsache. Und Knobloch kämpfte über viele Jahre mit aller Kraft für das Projekt.

Und wieder schließt sich ein Kreis, als der Klarinettist Giora Feidman zu Beginn viele lange nachschwingende Töne hintupft; schließlich hatte Feidman schon zur Grundsteinlegung gespielt. An jenem 9. November 2003 stand man in München unter dem Eindruck eines geplanten Anschlags von Neonazis auf das geplante Gemeindezentrum, der gerade noch vereitelt werden konnte. „Das schmerzt“, sagt später der Bundespräsident Horst Köhler. Drei Jahre später aber kann Charlotte Knobloch sagen, dass sie sich nun endlich angekommen fühle in ihrer „Heimatstadt München“ und in ihrem „Heimatland Deutschland“. „Wir Juden“, fährt sie fort, „sind wieder ein Teil Deutschlands. Wer ein Haus errichtet, schenkt künftigen Generationen eine Heimstatt. So auch wir. Wir haben gebaut, wir bleiben.“

Das Gotteshaus heißt Ohel-Jakob – also: Zelt Jakobs – und nimmt im Namen Bezug auf den Stammvater Israels, dessen Traum von der Himmelsleiter die Bibel verbürgt. Im Vorraum der neuen Synagoge steht aus dem 4. Buch Mose geschrieben: „Wie schön sind deine Zelte.“ Auch der Bundespräsident spricht anschließend vom Traum eines friedlichen Miteinander, das es freilich immer wehrhaft gegen Extremisten zu schützen gelte. „Die Verpflichtung jedes Einzelnen von uns ist es, sich einzumischen und zu handeln, um zu verhindern, dass Menschen wegen ihrer Religion, ihrer Herkunft oder ihres Aussehens beleidigt, verletzt oder gar ermordet werden“, sagte Köhler. Das Wissen um die Verbrechen der Nationalsozialisten und den Holocaust reiche allein nicht aus. „Wir müssen die Lehren daraus wach halten“, betonte Köhler. „Und wir müssen es dafür schaffen, dass junge Menschen im Alltag erleben, welch hohes Gut Toleranz, Demokratie und Menschenrechte sind.“ Der Bundespräsident hatte aber vor allem einen konkreten Wunsch: dass die Synagoge bald ganz selbstverständlich zu München gehören möge.

Diesen Gedankengang hat auch Michael Brenner in den vergangenen Wochen immer wieder weiterverfolgt. Brenner lehrt jüdische Geschichte an der Münchner Universität und spricht von dem „zarten Pflänzchen“, das es nunmehr zu hegen gelte. Den meisten Juden vor Ort, meint Brenner, müsse wieder „Wissen und gelebtes Judentum vermittelt“ werden wie der „nichtjüdischen Bevölkerung jüdisches Leben und Religion“. All dies sei „nicht zum Nulltarif“ zu haben, wie es Edmund Stoiber später ausdrückt. Er sieht die „gesamte Zivilgesellschaft gefordert“, wenn es darum gehe, „eindeutig Position zu beziehen“ gegen rechtsradikale Tendenzen.

Dass die Israelitische Kultusgemeinde sich der Risiken bewusst ist, beweist ein Detail des Baus. Die Namen der 4500 ermordeten Münchner Juden stehen hinter mehrschichtigen Glasplatten im Verbindungsgang zwischen Gemeindezentrum und der neuen Synagoge, also bewusst an einem Ort, der nicht geschändet werden kann. Dass die neue Ganztagsgrundschule am Jakobsplatz allen Kindern zur Verfügung steht, daran knüpft Edmund Stoiber eine besondere Hoffnung: Gerade jungen Menschen müsse vermittelt werden, „wie wichtig Menschenwürde, Freiheit und Toleranz für das Zusammenleben“ seien. Nur wenn sie diese Werte lernten, seien sie in der Lage, besonders auf „Antisemitismus und andere ideologische Pervertierungen mit einem entschlossenen ,Nie wieder!‘ zu antworten“.

Draußen wird es dunkel, als der Bau der Synagoge, der von unten her wie durch eine Klagemauer umfasst ist, oben aber ein gläsernes Dach hat, zum ersten Mal richtig zu leuchten anfängt. Salomon Korn, Vize-Vorsitzender des Zentralrats und von Haus aus Architekt, hat diesen Glanz als die „materialisierte Umsetzung“ des Wortes „Es werde Licht“ empfunden. In München ist es der Moment, als der OB ans Pult tritt und schlicht etwas feststellt, was sich hoffentlich alltäglich beweisen wird. Christian Ude sagt: „Mit dem heutigen Tag verändert sich unsere Stadt!“

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