Politik : „Wir haben keine Wahl“

Lange hat Ankaras Parlament das Votum über die US-Truppen hinausgezögert. Das Land sieht den Krieg aber bereits als unvermeidbar

Susanne Güsten[Istanbul]

Als letzte Amtshandlung in Bagdad vernichtete Osman Paksüt die Schlüsselkarte zu seiner Chiffriermaschine. Dann bestieg der türkische Botschafter im Irak seine Dienstlimousine und ließ sich nach Norden chauffieren. Bei Einbruch der Dunkelheit überquerte der Konvoi des Diplomaten die türkische Grenze bei Habur; unmittelbar danach wurde die Grenze geschlossen. Lange hat die Türkei versucht, einen Krieg gegen den Irak abzuwenden, doch nun ist die Zeit der Diplomatie vorbei. „Die Stunde der Entscheidung ist gekommen“, titelte die Zeitung „Hürriyet“ am Samstag, denn am Nachmittag sollte das Parlament über die US-Truppenstationierung für einen möglichen Angriff auf den Irak abstimmen. Die Abstimmung markierte für die Türkei die Schwelle vom Frieden zum Krieg.

Vor dieser Schwelle scheuten selbst die Abgeordneten der Regierung, die der Stationierung unter dem Druck der USA bereits zugestimmt hat. Wegen Meutereien in der Regierungsfraktion musste die Abstimmung mehrmals verschoben werden. Zehntausende Demonstranten versammelten sich am Nachmittag in Ankara, während die Abgeordneten zur entscheidenden Sitzung zusammentraten. „Mit dem historischen Parlamentsvotum beginnt der Krieg“, lautete die Schlagzeile der Zeitung „Sabah“. Trotz schwerster Bedenken bei fast allen Abgeordneten galt die Zustimmung in nicht-öffentlicher Sitzung als wahrscheinlich, denn den meisten Türken ist schon lange klar: Das Land kommt an diesem Krieg nicht mehr vorbei.

Vor den Küsten kreuzen seit Tagen die US-Kriegsschiffe, die Soldaten, Panzer und Waffen auf türkischem Gebiet absetzen sollen. Zuletzt fast täglich meldete sich US-Außenminister Colin Powell im türkischen Ministerpräsidentenamt mit der gereizten Frage, wann es denn nun endlich so weit sei. Entnervt ließ Ankara schließlich schon einige Schiffe abladen: Armee-Lastwagen, Anhänger und ähnliches Gerät durften von Bord – aber auch fahrbare Raketenwerfer schmuggelten die Amerikaner bereits an Land. Mehr als 60 000 US-Soldaten warten nur auf die Abstimmung in Ankara, um in der Türkei zu landen; dass sie noch umkehren würden, war kaum vorstellbar.

Das türkische Außenministerium glaubte jedenfalls nicht mehr daran. Das Ministerium rief in den vergangenen Tagen alle türkischen Staatsangehörigen aus dem Irak zurück und erließ eine dringende Reisewarnung für das Nachbarland. Noch vor ein paar Wochen war der türkische Handelsminister in Bagdad, um die Wirtschaftsbeziehungen zu pflegen; hunderte türkische Unternehmer reisten zu ihren Geschäftspartnern nach Irak. Mit der Abstimmung in Ankara sollten diese Beziehungen gekappt werden: „Wer den Amerikanern hilft, den werden wir als Komplizen betrachten“, warnte Bagdad.

Während die US-Truppen noch auf ihren Schiffen warten, kamen deshalb in dieser Woche schon hunderte anderer ausländischer Soldaten in der Türkei an. Rund 350 Nato-Soldaten errichten derzeit Patriot-Raketenabwehrsysteme in Südostanatolien auf, um die Türkei vor irakischen Angriffen zu schützen. Aus dem zentralanatolischen Konya bewachen rund 100 Nato-Soldaten mit Awacs-Aufklärungsflugzeugen den türkischen Luftraum; unter ihnen sind auch 30 deutsche Soldaten.

„Wer unser Land liebt, der wird gegen die Stationierung stimmen“, forderte die Opposition im Parlament. Doch obwohl die türkische Bevölkerung den Krieg zu mehr als 90 Prozent ablehnt, kann die Opposition damit nicht bei den Wählern punkten – im Gegenteil: „Ein verlogenes Pack ist das“, kommentierte ein Istanbuler Krämer die live übertragene Rede. „Wenn die an der Regierungsmacht wären, bliebe ihnen auch nichts anderes übrig. Wir haben einfach keine Wahl.“

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