• „Wir haben noch nicht alles erreicht“ Christian Führer gründet eine Revolutions-Stiftung

Politik : „Wir haben noch nicht alles erreicht“ Christian Führer gründet eine Revolutions-Stiftung

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Foto: ddpddp

Herr Führer, aus Anlass des 20. Jahrestages der entscheidenden Montagsdemonstration in Leipzig stellen Sie gemeinsam mit Friedrich Schorlemmer und dem Grünen-Europaabgeordneten Werner Schulz heute am Ort des Geschehens eine Stiftung Friedliche Revolution vor. Was will sie bewirken?

Der zweite Teil der friedlichen Revolution muss noch vollbracht werden: eine andere, zur Demokratie besser passende Wirtschaftsordnung. In der Wirtschafts- und Bankenkrise hat sich das System als nicht zukunftsfähig entlarvt. Die Wurzelsünde des Globalkapitalismus ist die Anstachelung der Gier. Die Forderung heißt: eine ethische Neuorientierung, eine Jesus-Mentalität des Teilens – Arbeit, Wohlstand, Einkommen. Der Rechtsstaat muss eine Wirtschaftsform entwickeln, die am Menschen orientiert ist.

Es geht also nicht nur um angemessenes Erinnern an die friedliche Revolution?

Nein, wir wollen das Datum nicht ins Museum stellen. Die Stiftung soll vielmehr zur Anstiftung von Beten und Handeln heute dienen, und das nicht nur auf Leipzig oder Sachsen beschränkt, sondern national und international.

Aber in erster Linie ist das, was Sie anstreben, ja ein Auftrag an die Politik …

Ja, wir wollen uns durchaus einmischen und einbringen. Und was uns wichtig ist: Die Gewaltlosigkeit der friedlichen Revolution kam ja nicht aus den Schulbüchern, nicht aus der Zeitung, nicht aus der Politik. Sie kam aus den Kirchen, aus der Bergpredigt. 1953 in der DDR, 1956 in Ungarn, 1968 in der CSSR oder 1989 in China – da war Kirche nirgendwo dabei. Die Kirche soll auf der richtigen Seite, bei den Menschen stehen.

Sie setzen bei Ihren Anliegen also auch auf Unterstützung von Protest?

Ja, auf alle demokratischen, gewaltfreien Formen des Protestes.

Die friedliche Revolution wollte die DDR demokratisieren. Die DDR gibt es zwar nicht mehr, aber den demokratischen Rechtsstaat. Das Ziel ist doch erreicht …

Wir haben alles erreicht, was damals auf den Plakaten gefordert wurde: Redefreiheit, Pressefreiheit, Reisefreiheit, Wahlfreiheit. Das ist wunderbar und nicht infrage gestellt. Aber es gibt immer noch diesen Globalkapitalismus mit den ewig gleichen Antworten einer vergehenden Epoche. Die Banken machen schon wieder so weiter wie vorher. Das System ist wahrscheinlich heute ebenso unbelehrbar wie der Sozialismus damals nicht reformierbar war. Auch damals hat niemand geglaubt, dass Veränderung gelingt. Heute kann sie wieder gelingen. Allerdings ist das erschwert durch den gegenwärtigen Wohlstand.

Das Gespräch führte Matthias Schlegel.

Christian Führer (66) war von 1980 bis 2008 Pfarrer an der Nikolaikirche in Leipzig und Mitinitiator der Friedensgebete, aus denen sich 1989 die Montagsdemonstrationen entwickelten.

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