Politik : Wir in Sibirien

Robert Birnbaum

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Ach, G. A. G., ich leiste dir Abbitte! G. A. G. ist ein alter Freund, den Sie, liebe Leser, persönlich bestimmt nicht kennen. Aber das macht nichts. G., wie wir ihn abkürzungshalber nennen wollen, G. also ist Rheinländer von Geburt und Seele, und zwar linksrheinisch, was die Sache noch erheblich verschärft. Der Rheinländer an sich begibt sich nur im Notfall in Gefilde östlich seiner Gebietsgrenzen. Beim Linksrheinischen bedarf es aber schon der Anwendung sanfter Gewalt, um ihn auch nur über den Fluss auf die andere Seite zu bugsieren. Es muss sich da um ein Erbe aus alten Tagen handeln, als für die bessere, also römische Gesellschaft jenseits des Rheins das Barbarenland begann.

Den schlagendesten Beweis für G.s Rheinländertum lieferte der Abend, an dem die Mauer fiel. G. war zu Gast. Der Gastgeber war nicht da, sondern Hals über Kopf in die Redaktion gerannt. Die Gastgeberin ließ den Fernseher laufen und heulte vor Rührung bei den Bildern von den hin- und herwogenden Menschenmassen am Checkpoint Charlie und am Brandenburger Tor. G. aber stand in der Küche und schmeckte die Bratensauce ab. Denn dem Rheinländer war das Ereignis fern und ein bisschen unverständlich, jedenfalls aber keine Herzenssache. Eben irgendetwas, das sich hinten im Barbarenland zutrug. G. ist dann auch nicht mit dem großen Treck vom Rhein zur Spree mitgezogen, sondern hat sich einen Job mit Bonn-Garantie besorgt. Aber an sein Abschiedswort, an das müssen wir in diesen Tagen aus gegebenem Anlass denken. Wir beginnen nämlich, ihn ein bisschen zu verstehen. Das Abschiedwort war eine Frage voll ehrlicher Bekümmernis: „Und du willst wirklich nach Sibirien ziehen?“

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