Politik : "Wir kennen die Urheber der Anthrax-Briefe nicht"

Wer steckt hinter den Milzbrand-Anschlägen in

Bruce Hoffman (47) ist einer der gefragtesten Terror-Experten. Er leitet das Washingtoner Büro der unabhängigen Rand-Corporation, die auch die Bush-Regierung bei der Bekämpfung des militanten Extremismus berät.

Wer steckt hinter den Milzbrand-Anschlägen in den Vereinigten Staaten?

Das kann man zu diesem Zeitpunkt noch nicht mit ausreichender Sicherheit sagen. Mehr Informationen darf ich Ihnen zurzeit nicht geben.

Kommen auch amerikanische Rechtsextremisten als Täter in Frage?

Zum Thema Foto-Tour: Milzbrand weltweit
--> Online Spezial: Bio-Terrorismus
Stichwort: Milzbrand
Hintergrund: Seuchenexperten
Web-Link: Robert-Koch-Institut Im Moment ist die Situation in den USA sehr in Bewegung. Das Land steht noch ganz unter dem Schock der grausamen Anschläge vom 11. September. Die Anthrax-Attacken sind allerdings in mancherlei Hinsicht sogar noch viel frustrierender: Wir kennen zwar die Urheber des September-Infernos, aber noch nicht die der Milzbrand-Briefe. Die Vorgehensweise ist bisher einmalig. Das heißt aber nicht, dass dahinter ein ganzer Staat stehen muss. Wir müssen auf jeden Fall alle Möglichkeiten in Betracht ziehen. Zu den amerikanischen Neonazis kann ich nur sagen, dass sie in der Vergangenheit durchaus versucht haben, solche biologischen Waffen zu benutzen. Doch daraus sollte man nicht ohne weiteres eine Verbindungslinie zu den aktuellen Anschlägen ziehen. Rechtsextremisten dürfen zwar als Täter nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden, aber die wahrscheinlichste Möglichkeit ist es auch nicht.

Welche ist denn die wahrscheinlichste?

Kein Kommentar.

Gibt es enge Verbindungen zwischen Rechtsextremisten in den USA und militanten islamistischen Fundamentalisten?

In Deutschland haben einige Gruppen Anfang der 90er Jahre mal mit Palästinensern zusammengearbeitet. Aber die Beziehungen zwischen amerikanischen und islamistischen Extremisten beschränken sich doch wohl eher darauf, sich verbal mit dem anderen solidarisch zu erklären. Über weitergehende Kontakte ist mir nichts bekannt.

US-Justizminister Ashcroft hat vor weiteren schlimmen Anschlägen in den nächsten Tagen gewarnt. Am Freitag sprach das FBI von möglichen Angriffen etwa auf die Golden Gate Bridge in San Francisco. Sind die Befürchtungen berechtigt?

Ja, sie sind gerechtfertigt. Weitere Anschläge sind möglich, aber es ist keinesfalls sicher, dass es dazu tatsächlich kommt. Die Öffentlichkeit muss jedoch einen realistischen Eindruck davon bekommen, was die verantwortlichen Regierungsstellen zu leisten in der Lage sind und was nicht, was sie wissen und was nicht. Darum bemühen sich die Behörden gegenwärtig. Früher gab es viel Kritik, weil Bundesbehörden ihre Informationen zum Beispiel nicht an die lokalen Polizeien weitergegeben haben. Jetzt gibt es Kritik, weil sie genau das tun.

Angeblich hat bin Laden den "Schläfern" freie Hand gegeben, ohne Befehle Anschläge zu verüben. Halten Sie das für denkbar?

Das ist nicht nur denkbar - genau so arbeitet der Extremist seit Jahren. Osama bin Laden geht auf mehreren Ebenen vor: Er verfügt über professionelle Terroristen, denen er direkt Befehle gibt. Er hat darüber hinaus halbprofessionelle Terroristen, die zunächst etwa in Afghanistan trainiert und dann erst einmal ohne besonderen Auftrag in andere Länder geschickt werden. Sie sollen einfach den Dschihad vorantreiben, wie, das ist egal. Eine dritte Gruppe sind Terroristen, die zu bin Laden kommen und sagen: Wir haben diese Idee für einen Angriff. Gibst Du uns das Geld dafür? All diese verschiedenen Möglichkeiten machen bin Laden so gefährlich.

Werden die USA bin Laden fassen können?

Ich glaube schon. Wie schnell das geht, weiß ich allerdings nicht. Die Frage ist, ob uns die afghanischen Berge das erlauben.

Was ist aus Sicht der weltweiten Terrorbekämpfung besser: ein toter oder ein lebender Top-Terrorist?

Dazu sage ich nichts.

Angenommen, man schaltet bin Laden - egal wie - aus, würde die Gefahr vor Anschlägen islamistischer Extremisten abnehmen?

Das weiß ich nicht. Wenn ein Terroristenführer ausgeschaltet wird, ist es generell schon möglich, dass die Gefahr zunächst einmal zunimmt. Darauf müssen wir vorbereitet sein. Auf jeden Fall wird sich etwas ändern, hoffentlich zum Besseren.

Gibt es überhaupt wirksame Mittel, internationalen Terrorismus zu bekämpfen?

Das wichtigste und effektivste Mittel ist, Geheimdienstinformationen auszutauschen.

Was würden Sie Bush und anderen Staatschefs für den Kampf gegen den internationalen Terrorismus empfehlen?

Ratschläge zu geben, das ist genau unsere Aufgabe. Aber diese Informationen sind in der gegenwärtigen Situation selbstverständlich vertraulich.

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