Politik : „Wir lassen uns nicht einschüchtern“

Italien hält am Irakeinsatz fest – aber in der Bevölkerung wachsen die Zweifel

Lidia Comencini weint. Auch einige Gäste ihrer Kaffeebar am römischen Stadtrand schluchzen, während das Fernsehen Bilder aus dem Südirak zeigt, Bilder der Zerstörung. Bei einem Terroranschlag waren Mittwochvormittag mindestens 15 italienische Soldaten in einem Militärcamp in der Nähe der südirakischen Stadt Nassirijah ums Leben gekommen – Carabinieri und Soldaten des Heeres, die dort stationiert waren, um Minen zu entfernen und das desolate Straßennetz in Stand zu setzen. „Unsere armen Jungs”, sagt die Kaffeebarbesitzerin Lidia Comencini und schaltet – als Zeichen ihrer Trauer – das Radio aus, das in der Regel den ganzen Tag über Popsongs spielt.

In Italien herrschen Entsetzen und Trauer. Sofort nach Bekanntwerden des Anschlags meldeten sich der Staatspräsident und der Regierungschef zu Wort. Carlo Azeglio Ciampi erklärte, dass Italien „auch weiterhin humanitäre Hilfe in Krisenregionen leisten wird”. Das sei „die Aufgabe Italiens und der gesamten EU”. Auch Silvio Berlusconi bedauerte das Sterben der Soldaten, wies aber gleichzeitig darauf hin, dass sein Land eine ganz präzise Aufgabe zu erfüllen habe und sich „von niemandem einschüchtern lassen wird, so hoch auch die Opfer sein werden”. In beiden Kammern des italienischen Parlaments wurden die laufenden Sitzungen unterbrochen.

Regierungsvertreter waren sich schnell einig, dass die rund 3000 im Irak stationierten Soldaten auch weiterhin dort bleiben sollen. Etwa 300 von ihnen sind in Nassirijah stationiert. Auch ein Teil der Mitte-Links-Opposition sprach sich dafür aus und löste damit erneut einen heftige internen Streit aus. Seit Wochen diskutiert die Opposition über den Einsatz im Irak. Das Attentat vom Mittwoch ist „Öl ins Feuer einer Auseinandersetzung, die zeigt, wie uneins und unverantwortlich unsere Linke dem Leiden im Irak gegenüber ist“, erklärte Ministerpräsident Berlusconi.

Die Kommunisten forderten noch am Mittwoch den sofortigen Abzug der italienischen Kontingente aus dem Irak. Auch Teile der Linksdemokraten schlossen sich dieser Forderung an. Unentschieden sind die Grünen und die übrigen Parteien des Bündnisses Olivenbaum. Erwartet wird, dass sich das Bündnis in den nächsten Tagen auf eine gemeinsame Linie einigt.

Die Regierungsparteien hingegen stehen geschlossen hinter dem humanitären Einsatz im Irak. Sie begrüßten Berlusconis Äußerung, unter den gegebenen Umständen über die Entsendung weiterer italienischer Soldaten in den Irak nachzudenken. „Wir wollen den Menschen dort Frieden und Freiheit bringen”, sagte der Ministerpräsident. Anders denken weite Teile der Bevölkerung. Seit Wochen schon befürchten viele Italiener, dass auch ihre Soldaten zum Ziel von Attentaten werden könnten. „Jetzt wird sich zeigen, wie Berlusconi auf die wachsende Abneigung der Menschen gegen den Irakeinsatz reagieren wird”, sagte Kommunistenchef Fausto Bertinotti.

Auch die Regierung in Rom wusste seit längerem, dass Italien wegen der politischen und militärischen Unterstützung für den Irak-Krieg ins Visier von Attentätern geraten ist. Erst vor einem Monat strahlte der arabische Fernsehsender Al Dschasira eine Tonbandaufnahme mit Drohungen gegen Italien und andere Unterstützerländer aus, die dem Anführer des Terrornetzwerkes Al Qaida, Osama bin Laden, zugeschrieben wurden.

Darin hieß es: „Wir behalten uns das Recht vor, zu geeigneter Zeit und an einem geeigneten Ort gegen jene Länder zuzuschlagen, die sich an diesem ungerechten Krieg beteiligen, insbesondere Großbritannien, Spanien, Australien, Polen, Japan und Italien.“

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