Politik : „Wir müssen nicht in jeder Stadt eine Armee stationieren“

Wiederaufbauminister Farhang über den internationalen Einsatz in Afghanistan, Gotteskrieger und den Einfluss der Warlords

-

AMIN FARHANG

ist Minister für Wiederaufbau in Afghanistan. Der Volkswirt lebte 20 Jahre in Deutschland und lehrte unter anderem in Bochum.

Foto: Scheffer

Herr Minister, wo steht Afghanistan zwei Jahre nach dem Sturz der Taliban?

Wir sind dabei, Schritt für Schritt neue staatliche Institutionen zu schaffen. Noch in diesem Jahr werden wir eine neue Verfassung bekommen, im kommenden Jahr sind Wahlen geplant. Auf wirtschaftlichem Gebiet haben wir allerdings nicht alle unsere Ziele erreicht.

Wo liegen die Gründe?

Zum Teil sind wir selbst daran schuld. Wir hatten einfach zu wenig Erfahrung. Aber auch die Staatengemeinschaft ist verantwortlich, weil sie ihre finanziellen Zusagen nicht erfüllt hat. Viel Geld ging zudem an Institutionen wie die UN oder Nichtregierungsorganisationen. Viele dieser Organisationen haben uns in der Not sehr geholfen, aber es gibt auch eine ganze Reihe, die nicht gut gearbeitet haben. Dadurch haben wir viel Geld verloren.

Was braucht Ihr Land am nötigsten?

Ganz oben steht der Straßenbau. Weitere Prioritäten sind Energiegewinnung, Landwirtschaft und die ländliche Entwicklung allgemein. Die Flüchtlinge, die jetzt zurückkehren, sollen in ihren Wohnorten ein Mindestmaß an Infrastruktur vorfinden, damit sie dort bleiben und nicht in die Städte ziehen. In den Bereichen Bildung und Gesundheitswesen haben wir bereits Erfolge erzielt.

Hemmen die lokalen Machthaber den Wiederaufbau?

Ich kann nicht leugnen, dass es einen Machtkonflikt zwischen der Zentralregierung und den lokalen Kommandanten gibt. Wir sind dabei, diese Dinge auszuräumen.

Wie sieht das konkret aus?

In Herat beispielsweise, im Westen des Landes, hat die Zentralregierung den Militärkommandanten ersetzt. Gouverneur Ismail Khan musste den Posten abtreten. Und er muss künftig seine Zolleinnahmen an Kabul abführen. Ich glaube, er ist klug genug zu wissen, dass es besser ist zu kooperieren. Und er weiß, dass man in Afghanistan mit Waffen nichts mehr erreichen kann.

Sollten Kriegsherren wie Khan nicht vollständig entmachtet werden?

Die Koalition gegen den Terror ist auf diese Leute angewiesen. Sie werden indirekt von der Staatengemeinschaft unterstützt. Aus politischen Gründen. Es wird daher ein bisschen dauern, bis sie zurückgedrängt werden können.

Dabei soll künftig auch die IsafSchutztruppe helfen. Wie viele Soldaten sollten in den Provinzen stationiert werden?

Wir müssen nicht in jeder Stadt eine Armee stationieren. Es geht darum, eine psychologische Wirkung zu erzielen. Acht- bis zehntausend Soldaten würden sicher ausreichen.

Es gibt Hinweise, dass sich die Taliban neu formieren. Wie stark sind sie?

Die Taliban können nicht wieder an die Macht kommen. Sie haben keinen Rückhalt in der Bevölkerung mehr. Das bedeutet allerdings nicht, dass diese Kräfte den friedlichen Prozess in Afghanistan nicht stören könnten. Ich habe aber Informationen, wonach die Taliban zögern, ob sie weitermachen sollen. Sie haben offenbar eingesehen, dass sie keine Chance mehr haben in Afghanistan.

Woher haben Sie diese Informationen?

Aus Pakistan, wo die Führer der Taliban sitzen.

Es gibt auch Berichte über Machtkämpfe in der Regierung selbst.

Es ist kein Geheimnis, dass es innerhalb der Regierung Meinungsverschiedenheiten gibt. Auf der einen Seite stehen die Mudjahedin, die ehemaligen Kommandeure, die an ihrer Macht festhalten wollen. Auf der anderen stehen die Reformer, die für grundlegende Veränderungen eintreten. Diese Auseinandersetzungen müssen geführt werden. Ich muss aber hinzufügen, dass die Reformer in der Unterzahl sind.

Das Gespräch führte Ulrike Scheffer.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar