Politik : „Wir müssen uns ans Machbare gewöhnen“

Generalleutnant Karlheinz Viereck über den Kongo, die Frauen in Afrika und einen guten Eindruck

-

Herr General, heute zu Weihnachten sind die Soldaten aus dem Kongo wieder zu Hause bei ihren Familien. Was ist das für ein Gefühl?

Das ist ein sagenhaftes Gefühl. Wir haben alle Soldaten, deutsche und europäische, seit Freitag heil draußen. Wir haben alles Material verschifft, das zurückgebracht werden musste. Jetzt wickeln noch 20 Leute die letzten Konten ab, lassen die Straßen reparieren, die wir mit unseren Sattelschleppern kaputt gemacht haben. Die Rückverlegung der Truppen ist auch perfekt gelaufen. Ich war am 6. Dezember nach der ruhigen Amtseinführung von Präsident Joseph Kabila schon erleichtert, da sich die Kandidaten ja vorher nicht unbedingt grün waren.

Was war gut an der Kongo-Mission, was gilt es für die nächsten Missionen zu bedenken?

Die militärisch-politische Zusammenarbeit war ausgezeichnet. Ohne die Verzahnung von Politischem und Militärischem wäre die Mission nicht so erfolgreich gewesen. Wir haben von Anfang an mit allen Präsidentschaftskandidaten gesprochen, vor allem mit den Favoriten Joseph Kabila und Jean-Pierre Bemba. Das Headquarters-Konzept hat prima funktioniert. Ich hatte die richtigen Leute am richtigen Platz zur richtigen Zeit. Und die Kräfte waren klasse. So waren wir am 20. und 21. August, als es kritisch wurde, überall präsent. An dem Tag hat sich für die Bevölkerung bewahrheitet, dass wir exakt das machen, was wir gesagt haben. Sichtbar, rasch, unparteiisch die Lage sichern. Zum Schluss haben uns 90 Prozent aller Menschen in Kinshasa gekannt. Man kennt uns, man traut uns. Da kann man nur sagen: first class.

Der Augusttermin, als Kabila-Anhänger das Haus des Gegenkandidaten Bemba angriffen, war aber auch das Datum, an dem Sie als Commander bei der Freundin waren und nicht bei der Truppe.

Wir sind seit Ende März in voller Bereitschaft, tagein tagaus. Da sollte man es dem Commander überlassen, wie er seine Zeit einteilt. Auch sonst bin ich permanent in Kinshasa, in Südafrika, in Brüssel unterwegs, weil das für die Mission wichtig ist. Wenn Sie das mit bedenken, dann passt das. Wir sind ein strategisches Hauptquartier, nicht das ausführende. Die Entscheidungen werden aber hier getroffen.

Das ist die technische Sicht. Können Sie verstehen, dass sich mancher gewünscht hätte, dass der Chef an dem Tag, an dem in Kinshasa geschossen wird, persönlich da ist und das Gefühl vermittelt „das stehen wir zusammen durch“? Oder hat der General Viereck gedacht, er wäre Präsident Eisenhower, der während des Ungarnaufstands auf den Golfplatz ging?

Ich kann die Leute verstehen, die so denken. Aber noch einmal, die notwendigen Entscheidungen habe ich getroffen und ich habe sie persönlich übermittelt

Würden Sie es heute anders machen?

Es ist immer schwer zu sagen, was wäre wenn. Es hätte ganz anders kommen können. Wichtig ist nur, ist es gut gelaufen oder nicht? Wenn Sie die Frage mit nein beantworten könnten, könnten Sie fragen, woran liegt das eigentlich? Da es gut gelaufen ist, könnte man fragen, warum? Da könnte man sagen, wir hatten eine gute strategische Führung, wir hatten eine gute Führung in Kinshasa, wir hatten eine gute Einstellung, eine gute Ausbildung und eine gute Bereitschaft der Leute. Wann immer wir sie brauchten, waren die Leute da. Und wir hatten klar definierte Bereitschaften, in kritischen Situationen bis auf Minuten genau. Das hat hervorragend funktioniert.

Warum glauben Sie, hat es gut funktioniert?

Ich hatte viele Mitarbeiter, die wir sonst bei Übungen zwar vorsehen, die es aber oft nur auf dem Papier gibt. Politische Berater, juristische Berater, Gender-Berater. Die sind sehr wichtig. Die sollten wir künftig immer dabei haben. Die waren Gold wert. Ich habe bei der Abschlusspressekonferenz in Kinshasa auch in der örtlichen Sprache, in Lingala, gesagt, dass man hier etwas im Herzen mit nach Hause nimmt.

Was nehmen Sie im Herzen mit?

Dass die Menschen es verdient haben, dass man ihnen hilft. Das war ja bei uns hier sehr umstritten. Die Menschen haben viel dazu beigetragen, dass sich etwas verändert. Die wollen eine bessere Zukunft für den Kongo. Und ich nehme viele persönliche Begegnungen mit. Ich denke, wir haben den gesellschaftlichen Part ganz gut hinbekommen. Wir waren mal mit Gewehr da, mal ohne, mal mit Gefechtshelm, mal ohne, mal in geschützten Fahrzeugen, mal in ungeschützten, auf der Straße, auf dem Markt, im Slum. Das haben die Soldaten tiptop abgedeckt. Das hat uns viel Vertrauen eingebracht.

Das heißt, es gab keine Vorwürfe sexueller Übergriffe, wie immer mal wieder gegen die Vereinten Nationen?

Absolut null. Ich klopfe aber mal dreimal auf Holz. Wir hatten eine ausgezeichnete Disziplin unserer Soldaten.

Es gab viele Vorbehalte, nach Afrika zu gehen. Was war dort anders?

Der Kontakt ist anders. Der Kontakt ist in Afrika viel enger. Europäisch ist immer alles mit Abstand. Afrika ist einfach nah. Afrika ist ganz nah. Und ich habe gelernt, wie wichtig die landeskundlichen Berater sind und besonders die Einbeziehung von Frauen. Das war für die Operationsführung und deren Ergebnis wesentlich. Wir sind in die Familien gegangen, zu den Frauen der kongolesischen Armeeangehörigen. Wegzugehen von dieser reinen Männerwelt, das war enorm wichtig. Das war Gender konkret. Wir haben versucht, klarzumachen, wir sind nicht für einen speziellen Bereich da, wir sind für alle da. So haben wir zum Beispiel gelernt, wie wir für diese Mission Patrouillen zusammenstellen müssen, damit wir bestimmte Ziele erreichen.

Es heißt, in Afrika gehe alles immer sehr langsam.

Wenn man Afrika so etwas nachsagt, kann ich das nicht bestätigen. Ich brauchte meine Entscheidungen innerhalb weniger Stunden, die habe ich von Präsidenten und Ministern in Kongo und Gabun bekommen. Es ging immer zügig.

Können Sie von Ihren Erfahrungen etwas in ihren Job beim Einsatzführungskommando mitnehmen?

Klar. Das sind Erfahrungen, die vergessen Sie nie wieder. Da wissen Sie, was Sie besser machen können.

Was können Sie denn besser machen?

Wir müssen die praktische militärische Zusammenarbeit der europäischen Staaten noch besser koordinieren. Wir müssen uns einigen, wer welchen Schwerpunkt übernehmen soll, damit wir uns nicht jedes Mal neu finden müssen. Wir sind alle gut ausgebildet, vor Ort müssen dann aber achtzehn Nationen zusammenkommen. Da habe ich eine Checkliste, die ich im Januar in Brüssel vorstellen werde. Mit der Logistik fangen wir schon an, da bündeln wir einen harten Kern von Spezialisten hier in Potsdam.

Haben Sie persönlich auch etwas gelernt?

Ich persönlich muss die Finanzmanagementaufgaben noch besser in den Griff bekommen. Eine Lehre für mich ist: Nächstes Mal brauche ich auch einen Finanzberater. Zusätzlich zu den anderen Beratern.

Damit Sie nicht wieder eine spanische Firma anheuern, die die Unterkünfte nicht ordentlich fertigstellt?

Das war eine normale europäische Ausschreibung. Die Firma hatte afrikanische Erfahrung. Wir bezahlen auch nur, was geleistet wird. Aber wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass wir, wenn wir nur ein paar Monate irgendwo hingehen, Unterkünfte nach deutschen Standards haben.

Jugendherberge nicht Grand Hotel bei kürzeren Auslandseinsätzen?

Das würde ich so nicht sagen. Aber wir müssen uns an das Machbare gewöhnen. Wir können nicht für wenige Monate 6000 Kilometer entfernt das Gleiche aufbauen wie über Jahre in Afghanistan oder im Kosovo. Da müssen wir gucken, was ist das Wichtigste. Das war im Kongo zuerst das Politische, dann das Militärische, dann der Aufbau, damit die Soldaten immer richtig im Einsatz sein konnten. Und das konnten sie. Nur einmal stand extrem Wasser in einigen Zelten. Aber das haben wir blitzschnell abgestellt. Kein Soldat war je in Gefahr.

Was haben denn die Soldaten in Gabun gemacht, wo der größte Teil der Deutschen war?

Es gab eine permanente Rotation. Nach vier Wochen war jeder einmal in Kinshasa. Es gab keine Trennung. Die, die nicht in Kinshasa waren, haben im Dschungel trainiert. Das haben wir sonst nicht. Am Ende waren die meisten in Kinshasa. Unsere Soldaten haben mächtig gelernt, wie gehe ich mit Menschen in einer Millionenstadt mit Slums um. Und sie haben ein gutes Bild abgegeben. Wir wollten so nah wie möglich an die Leute ran.

Reichen dafür die Sprachkenntnisse der Soldaten?

Die Sprachkenntnisse waren besser als ich dachte. Keine Patrouille war ohne Französisch unterwegs. Ein Mitarbeiter spricht sogar Lingala.

Reicht einer pro Patrouille? Brauchen die Soldaten vielleicht noch ein bisschen intensivere Sprachschulungen?

Ja, die Soldaten brauchen mehr Sprachausbildung: Englisch und Französisch. Französisch gilt auch für mich. Das ist einfach wichtig. Es ist natürlich eine Anstrengung, aber wenn die Leute merken, man strengt sich an, kommt das an. In Kinshasa hat mich am Schluss sogar ein Reporter auf Deutsch gefragt. Von unserer guten Akzeptanz als Eufor profitiert jetzt auch die UN-Mission Monuc.

Sind wir auf eine Mission im sudanesischen Darfur vorbereitet?

Der deutsche Soldat ist gut ausgebildet und ausgerüstet. Wir haben auch Beobachter im Sudan, die das Einsatzführungskommando ganz individuell führt. Das ist keine einfache Sache.

Wolfgang Gerhardt hat im Tagesspiegel gerade eine Mission gegen das Sterben in Darfur gefordert.

So einfach ist das nicht. Sie brauchen eine politische Entscheidung und klare Vorgaben, wer soll eigentlich was machen. Wenn wir Entscheidungen und Vorgaben haben, sind wir immer in der Lage, in kurzer Zeit Pläne vorzulegen. Bei der Kongo-Mission war das Ziel klar – und es gab die notwendige Freiheit für die Commander, den Weg zu finden. Im Kongo müssen wir die Lage jetzt sichern. Europa hilft stärker bei Aufbau und Ausbildung einer Armee mit der richtigen Einstellung. Das ist das, was wir jetzt für den Kongo leisten können.

Gibt es als Lehre aus dem Kongo auch eine To-Do-Liste für die Bundeswehr? Werden Sie in der Bilanzsitzung des Bundestagsverteidigungsausschusses kurze Hosen vorschlagen – oder vielleicht Wichtigeres?

Die Liste wird es geben, aber erst kommt Europa. Über die Bundeswehr rede ich zuerst mit dem Einsatzführungskommando, das ist ja nur über die Straße. Die Bilanz werden wir dann dem Verteidigungsministerium vorlegen. Aber es ist besser, drei Dinge zu ändern, als über zehn zu reden.

Welche drei?

Das sage ich heute noch nicht.

Ab Februar sind Sie wieder Chef des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr. Dann haben Sie nicht mehr das letzte Wort bei einer Mission. Was ist das für ein Gefühl?

Da werde ich mich erst wieder dran gewöhnen müssen.

Das Gespräch führten Dagmar Dehmer und Ingrid Müller. Das Foto machte Uwe Steinert.

ZUR PERSON

KARRIERESOLDAT

Seit 1970 dient Karlheinz Viereck bei der Bundeswehr. Er begann seine Karriere bei der Luftwaffe. Im April 2006 wurde er zum Generalleutnant befördert.

BEFEHLSHABER

Am 27. April 2006 übernahm Viereck die Leitung des Eufor-Einsatzes in der Demokratischen Republik Kongo. Ende Dezember endet der Einsatz wie geplant. Vor dem Einsatz hatte es viel Kritik daran gegeben, nach Afrika zu gehen. Es gab Zweifel, ob 2000 Soldaten genügen und ob sich der Einsatz zeitlich begrenzen lässt.

CHEF

Künftig wird Viereck das Einsatzführungskommando der Bundeswehr in Potsdam übernehmen.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben