Politik : „Wir rechnen mit mehreren tausend Opfern“

Der britische Friedensforscher Paul Rogers warnt: Ein Luftangriff gegen Irans Atomanlagen würde einen langen Krieg auslösen

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Die Regierungen Israels und der USA drohen den Iranern mit Bombenangriffen gegen die Atomanlagen des Landes, wenn sie nicht auf die Herstellung von Kernbrennstoffen verzichten. Was wären die unmittelbaren Folgen?

Die Israelis allein könnten nur eine kleine Zahl bekannter Laboratorien und Fabriken zerstören, aber keinen größeren Angriff durchführen. Die Amerikaner würden weit größere Zerstörung erreichen und dabei gezielt das gesamte technische Potenzial und Personal treffen wollen. Das würde gewiss viele hundert Zivilisten treffen. Ganz sicher würden die Amerikaner auch Luftabwehrstellungen, Flugzeugbasen, die mobilen Raketenabschussrampen und die Fabriken zur Raketenherstellung angreifen. Insgesamt rechnen wir mit mehreren tausend Opfern in den ersten Tagen.

So weit müsste ein erster Angriff doch gar nicht gehen.

Doch, denn die US-Kräfte müssten versuchen, mögliche Gegenangriffe der Iraner zu verhindern. Diese könnten zum Beispiel Öltanker im Golf beschießen. Oder sie könnten versuchen, den Aufstand im Irak zu schüren. Darum erwarte ich im Kriegsfall auch Angriffe auf die Häfen und alle Basen der Revolutionsgarden nahe der Grenze zum Irak.

Dann wäre Iran weitgehend entwaffnet.

Der Erfolg wäre trotzdem nur beschränkt. Nach ein paar Tagen oder Wochen würden die Iraner trotzdem mit Schnellbooten die Tankerroute in der Straße von Hormus unsicher machen und im Irak den Konflikt anheizen. Es würde mit Sicherheit zu einer Eskalation von Seiten der Iraner kommen. Noch wichtiger ist aber eine ganz andere Konsequenz: Ein Angriff würde eine enorme Einheit des iranischen Volkes mit der Regierung schaffen. Die Revolutionsgarden würden eine regelrechte Renaissance erleben und könnten massenhaft neue Rekruten gewinnen.

Immerhin wäre die Gefahr gebannt, dass Iran als Atommacht die Region bedroht.

Auch das nicht. Ich bin sicher, dass der Iran sofort seine Mitgliedschaft im Atomwaffensperrvertrag kündigen würde und alle Anstrengungen auf den Bau von Atomwaffen konzentrieren würde.

Daran arbeitet das Regime doch ohnehin.

Das kann so sein, aber es ist nicht bewiesen. Immerhin gibt es noch die Inspektionen durch die Internationale Atomenergiebehörde. Ich denke, bisher haben sie eher die Absicht, die Fähigkeit zum Bau von Atomwaffen zu erwerben, als dies dann tatsächlich umzusetzen. Es geht ihnen um den Status eines Schwellenstaates, so wie auch Japan oder Deutschland binnen Monaten Atomwaffen bauen könnten, wenn sie wollten.

Schon das sehen viele als Bedrohung.

Aber bisher will die iranische Regierung den Sperrvertrag nicht brechen, weil sie dann die ganze Welt gegen sich aufbringen würde. Nach einem Angriff würden die Iraner das aber sicher sofort tun. Das ist das Paradoxon: Jetzt den Iran anzugreifen würde bedeuten, den Prozess zur Entwicklung iranischer Atomwaffen erst richtig zu beschleunigen.

Das wäre nach der Zerstörung ihrer Anlagen doch gar nicht möglich.

Das würde sie zunächst behindern, aber zugleich würden sie ein Maximum an Mitteln dafür bereitstellen. Aus einem langsamen, auf fünf bis zehn Jahre angelegten Prozess würde das zentrale nationale Projekt. Der Iran würde sich am Beispiel Nordkorea orientieren, das auch nicht angegriffen wurde, zum Teil eben auch, weil man befürchten muss, dass Nordkorea über einige primitive Atomwaffen verfügt. Darum müssten dem ersten Angriff gegen Iran zwangsläufig weitere folgen. Das würde zu einem lang anhaltenden Krieg eskalieren. Und ganz gewiss wäre Iran früher oder später in der Lage, die Ölversorgung aus den Golfstaaten zu unterbrechen.

Das würde nicht nur die Weltwirtschaft ins Chaos stürzen, sondern auch Iran selbst.

Sicher, aber wir hätten es mit einem Land zu tun, dass sich selbst als regionale Großmacht versteht und – aus seiner Sicht – ohne Grund von einer Supermacht angegriffen wurde. Da sind die Reaktionen nicht mehr zu kontrollier en.

Könnte die Staatengemeinschaft eine solche Eskalation nicht doch verhindern?

Nicht, wenn ein Luftangriff erst einmal erfolgt ist. Ich war vor einigen Monaten in Iran und habe mit vielen Mitgliedern der Elite und Akademikern gesprochen, die der jetzigen Regierung eher ablehnend gegenüberstehen. Aber auch sie versicherten, dass ihr Land sich mit aller Entschlossenheit verteidigen würde. Ich erinnere nur an die enorme Mobilisierung nach dem Angriff des Irak 1980. Das Gleiche würde wieder geschehen.

Angenommen, Sie haben R echt, ist es dann nicht sehr unwahrscheinlich, dass Israel oder die USA ein solches Risiko überhaupt eingehen? Ist die Kriegsdrohung nur ein Bluff?

Leider nicht. Denn zur Zeit steigern sich beide Seiten in Positionen hinein, bei denen es kein Zurück gibt.

Aber vermutlich kommen auch in den USA viele Experten zu den gleichen Schlüssen wie Sie.

Mag sein. Aber denken Sie an den Irakkrieg. Damals haben wir bei der Oxford-Research Group fünf Monate vor Kriegsbeginn eine ähnliche Analyse erstellt, die warnte, dass ein anhaltender Aufstand gegen die Besatzer und ein großer Auftrieb für Al Qaida die Folgen sein würden. Das US Army College und andere US-Experten kamen zum gleichen Schluss, aber die Bush-Regierung hat all das ignoriert.

Heißt das, ein neuer Krieg liegt eigentlich im Interesse beider Seiten? Der iranische Präsident Ahmadinedschad tut alles, um die Krise zu verschärfen.

Ja, das ist wirklich ein Problem. Ahmadinedschad ist ein Außenseiter ohne jede außenpolitische Erfahrung. Es ist ungeheuerlich, was er sagt. Darum fehlt ihm auch die Unterstützung großer Teile des Klerus. Aber sie müssen sich hinter ihn stellen, wenn es zum Angriff kommt. Darum liegt diese Krise in seinem Interesse. Für die Amerikaner wiederum ist die Vorstellung von einer Atommacht in dieser wichtigen Region, die ihnen feindlich gesinnt ist, vollkommen unakzeptabel. Und in Israel ist die vorherrschende Sicht schon heute, dass Iran angegriffen werden sollte. Sie nehmen die Drohungen von Ahmadinedschad ohne Abstriche ernst und sagen, lieber jetzt ein paar tausend Tote als Millionen toter Israelis nach einem iranischen Atomschlag.

Was sind die Alternativen?

Sie müssen unbedingt gefunden werden. Man sollte zur Kenntnis nehmen, dass Iran eine komplexe Gesellschaft ist. Ahmadinedschad ist bei den Armen beliebt, weil er als weniger korrupt gilt als der Klerus. Aber er ist keineswegs im ganzen iranischen Volk populär. Nötig wäre jetzt, die Unterstützung für ihn zu untergraben, anstatt ihn mit aggressiven Erklärungen zu stärken. Wenn die Amerikaner wirklich clever wären, dann würden sie die vollen diplomatische Beziehungen zu Iran wieder herstellen und beginnen, mit der ganzen iranischen Gesellschaft zu kommunizieren. Wir hätten diese Krise nicht in diesem Ausmaß, wenn Rafsandschani gewählt worden wäre.

Darauf würde sich die Bush-Regierung niemals einlassen.

Um so wichtiger ist es, dass die Regierungen in Frankreich, Deutschland und Großbritannien erkennen, welche Katastrophe droht, wenn wir die Krise laufen lassen. Ich hoffe, dass dies beim heutigen Treffen zwischen Tony Blair und Kanzlerin Angela Merkel zur Sprache kommt.

Keine deutsche Regierung kann mit einem Regime Kompromisse machen, das Israel mit Vernichtung droht.

Das verstehe ich. Das darf trotzdem nicht heißen, dass wir unbeirrt die Krise verschärfen. Das zentrale Ergebnis unserer Analyse ist: Es müssen andere Wege gefunden werden, gleich wie schwer das ist.

Das Gespräch führte Harald Schumann.

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