Politik : „Wir sehen die Gefahr, dass unser Image beschädigt wird“

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Herr Botschafter, in der VisaAffäre wird Ihr Land von deutschen Politikern und Medien täglich in Zusammenhang mit Schleusern, Kriminellen und Menschenhändlern genannt. Beunruhigt Sie dieses Bild?

Wir verwahren uns entschieden gegen den Pauschalverdacht, wonach aus der Ukraine vor allem Kriminelle in das Bundesgebiet geströmt seien. Die Gründe der meisten Ukrainer, die damals hierher wollten, waren doch ganz andere. Nach dem Fall der Mauer und der Wende im Ostblock haben die Menschen in der Ukraine gemerkt: Wir leben nun in einem freien Land, wir öffnen uns dem Westen gegenüber. Wir hatten jahrzehntelang auf diese Chance gewartet, man konnte zuvor kaum reisen. Deshalb wollten sehr viele Menschen diese Möglichkeit nutzen. Wir streiten nicht ab, dass auch Kriminelle, Schleuser oder Menschenhändler darunter waren. Aber die Probleme werden aufgebauscht. Uns ist es wichtig, dass diese Botschaft in Deutschland verstanden wird.

Spüren Sie noch die Begeisterung der Deutschen für das, was die orangene Revolution in der Ukraine ausmachte, nämlich die Sehnsucht nach Freiheit, der Mut zur Selbstbestimmung? Oder ist dieses Thema durch die Visa-Affäre verdrängt?

Wir sehen die Gefahr, dass das Image unseres Landes in Deutschland beschädigt wird.

Was sagen Sie zu Forderungen in der Visa-Affäre, die Bundesregierung solle die geplante EU-weite Erleichterung der Visapraxis für Ihr Land verhindern?

Eine solche Entwicklung hielten wir für sehr problematisch. Unser erklärtes Ziel ist die Annäherung an die Europäische Union mit der Perspektive, einmal Beitrittskandidat zu werden. Es wird ohnehin schon ein langwieriger und schwieriger Weg dahin. Ohne menschliche Kontakte, ohne Reiseerleichterung wird diese Möglichkeit erheblich beeinträchtigt. Unter diesem Gesichtspunkt sehen wir die Visa-Affäre in Deutschland.

Welchen Schaden fürchten Sie?

Für die Ukraine ist es wichtig, dass der Austausch mit Deutschland möglichst reibungslos und schnell funktioniert. Eine Verschärfung der Visavorschriften wäre ein negativer Faktor für die wirtschaftlichen, kulturellen und menschlichen Kontakte – nicht zu vergessen auch die Touristenreisen. Sie würde vielen ukrainischen Bürgern die Möglichkeit nehmen, nach Deutschland zu kommen. Wir wollen Europa hautnah erleben – aus dem Fenster eines Touristenbusses, nicht aus dem Fenster einer Strafvollzugsanstalt.

Serhij Farenik (44) ist seit dem 27. April 2004 Botschafter der Ukraine in Deutschland. Zuvor arbeitete er unter anderem als Berater des Premierministers und dessen Stellvertreters.

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