• „Wir sind auf ein leeres Nest gestoßen“ Reinhard Schult plante den Protest vor der Stasi

Politik : „Wir sind auf ein leeres Nest gestoßen“ Reinhard Schult plante den Protest vor der Stasi

Matthias Schlegel

Nach einer zermürbenden anderthalbtägigen Diskussion des Neuen Forums in Leipzig über die Zukunft der Bürgerbewegung fahren Reinhard Schult und Ingrid Köppe Anfang Januar 1990 im Trabant zurück nach Berlin. Wie soll es weitergehen? Für Montag, den 15. Januar, hat die Organisation einen Aktionstag geplant. Denn die Krake Stasi scheint noch längst nicht besiegt. Schult ist felsenfest davon überzeugt: Trotz gegenteiliger Beteuerungen ist die Regierung unter PDS-Mann Hans Modrow nicht bereit, die Staatssicherheit tatsächlich aufzulösen.

So formulierten Schult und seine Leute vom Berliner Neuen Forum einen Aufruf zu einer Demonstration am 15. Januar vor der Stasi-Zentrale in der Normannenstraße. An jenem Montag hatte der Runde Tisch getagt. Erstmals war Modrow dabei. Die Vertreter vom Neuen Forum beantragten, die Versammlung abzubrechen und gemeinsam zu der für 17 Uhr angesetzten Demo zu gehen. Das wurde abgelehnt. „Also sind wir allein losgezogen“, erinnert sich Schult. Es war schon dunkel, als er in Lichtenberg eintraf. „Wir waren überrascht, dass sich vor beiden Toren zum Ministeriumsgelände, in der Rusche- wie in der Normannenstraße, jeweils 20 000 bis 30 000 Menschen versammelt hatten“, sagt Schult. Zunächst reden Ingrid Köppe und Bärbel Bohley zu den Leuten. Doch die Rufe „Stasi in die Produktion“ und „Macht das Tor auf“ werden immer lauter.

Was dann passiert, folgt nicht dem Plan der Demo-Organisatoren. Schult schildert es so: „Die Leute trommeln ans Tor, und plötzlich geht es von innen auf. Die Massen strömen rein. Widerstand gibt es nicht. Stasi-Leute sind weit und breit nicht zu sehen. Wir sind auf ein leeres Nest gestoßen. Wer das Tor aufgemacht hat, wissen wir bis heute nicht. Aber was auffällig war: Schon in dem Moment, als sich das Tor öffnete, splitterte in den Gebäuden Glas, flogen Stühle aus den Fenstern. Zerstörungen gab es nur ganz am Anfang – mir ist nicht klar, von wem. Ich habe keinen Vandalismus gesehen. Das legt den Verdacht nahe, dass Stasi-Leute selbst Verwüstungen angerichtet haben, um die Aktion zu diskreditieren und den Eindruck zu erwecken, dass die angeblich friedliche Revolution in Gewalt und Anarchie umschlägt.“

Später treffen auch Modrow und die anderen Leute vom Runden Tisch ein. Spontan wird das Bürgerkomitee „Normannenstraße“ gebildet, das die Eingänge sichert und die Gebäude überwacht. Die Stasi ist am Ende.

Reinhard Schult war zu DDR-Zeiten in verschiedenen oppositionellen Gruppen aktiv, 1989 gehörte er zu den Mitbegründern des Neuen Forums. Der 53-Jährige ist heute in der politischen Bildung tätig und lebt bei Bernau.

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