Politik : "Wir sind bereit, zu vergeben"

Thomas Migge

Was die Italiener über den Faschismus wissen, wollte die italienische "Vereinigung der antifaschistischen Partisanen" mit einer Umfrage herausfinden. Nur 20 Prozent aller Befragten wussten, dass der Marsch auf Rom, mit dem Mussolini an die Macht gelangte, 1922 stattfand. Noch weniger wussten, was im Herbst 1944 im mittelitalienischen Marzabotto geschah. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass über den Besuch von Bundespräsident Johannes Rau in Marzabotto in Italiens Medien nur wenig berichtet wurde. Für die Menschen der Ortschaft in den Appeninbergen hingegen handelte es sich "um einen ganz großen Tag", sagt Bürgermeister Andrea De Maria. "Wir sind bereit zu vergeben", so der 35-Jährige.

Rau war am Mittwochnachmittag zusammen mit Italiens Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi in Marzabotto eingetroffen. Die beiden Staatsoberhäupter legten an einem Mahnmal Kränze nieder. Der Bundespräsident ließ es sich dabei nicht nehmen, über alle Sprachbarrieren hinweg mit den letzten Überlebenden des Massakers zu sprechen.

In seiner Ansprache erinnerte Rau an jene Tage im Herbst 1944, in denen SS-Soldaten der 16. Panzergrenadierdivision auf der Suche nach kommunistischen Partisanen der "Brigata Stella Rossa" ein Blutbad anrichteteten. Fast die ganze Bevölkerung von Marzabotto wurde erschossen, 216 Kinder, 316 junge Frauen und 172 alte Menschen. "Wenn ich an die Kinder und Mütter denke, an die Frauen und an die ganzen Familien, die an diesem Tag Opfer des Mordens geworden sind, dann ergreifen mich Trauer und Scham", sagte Rau.

Der Bundespräsident, der zu einem offiziellen Staatsbesuch nach Rom gekommen war, hatte von Anfang an einen Besuch in Marzabotto eingeplant. Dass Rau der erste deutsche Politiker ist, der sich für Marzabotto entschuldigt, wird von Italiens Politikern, Historikern und von den Menschen in dem kleinen Ort als "außerordentlich" gewürdigt.

Der Besuch Raus hatte in den vergangenen Tagen durch die jüngsten Enthüllungen zu den Tätern von Marzabotto eine besondere Brisanz erhalten. Das deutsche Fernsehmagazin "Kontraste" hatte drei noch lebende SS-Unteroffiziere aufgespürt, die an dem Massaker beteiligt waren. Sie leben heute als Rentner in Deutschland und sind bisher von der Justiz nicht zur Verantwortung gezogen worden.

Mimmo Franzinelli, Italiens angesehenster Historiker zur Geschichte der Partisanen, sorgte kürzlich mit einem Zeitungsartikel im "Corriere della sera" zum Thema Marzabotto für Aufsehen. Ihm gelang es nachzuweisen, dass nicht nur deutsche Behörden die Mörder von Marzabotto unbehelligt ließen. Franzinelli zufolge war auch die italienische Justiz nie wirklich daran interessiert, den Fall Marzabotto aufzuklären.

Vor kurzem wurden in den Kellern des römischen Innenministeriums in einem vergessenen Wandschrank mehrere Kisten mit zahllosen Dokumenten zu bisher nicht aufgearbeiteten SS-Massakern in Italien entdeckt. Nach einer genauen Analyse dieser Dokumente hätte man, so der Historiker, schon vor Jahren die Namen jener Männer ausfindig machen können, die das Massaker von Marzabotto verübt hatten. "Doch die politische Situation in der Nachkriegszeit", resümiert Franzinelli, "war gegen eine Aufklärung, denn man wollte die endlich wieder guten Beziehungen zu Deutschland nicht mit solchen peinlichen Geschichten auf das Spiel setzen".

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