Politik : „Wir sind berührt von der Großzügigkeit“

Pakistan zweifelte lange am weltweiten Spendenwillen – die Geberkonferenz übertrifft alle Erwartungen

Ruth Ciesinger[Quetta]

Ein solcher Zuspruch war nicht erwartet worden, im Gegenteil. Noch am Freitag hatte Pakistans Premier Shaukat Aziz im Gespräch mit deutschen Journalisten gemutmaßt, die Hilfszusagen der Geber könnten deutlich unter fünf Milliarden Dollar bleiben. Doch die dramatischen Hilfsappelle auch von UN-Generalsekretär Kofi Annan sind offenbar nicht ungehört geblieben. 5,4 Milliarden Euro haben die Teilnehmer der internationalen Geberkonferenz in der Hauptstadt Islamabad für den Wiederaufbau und weitere Nothilfe im Erdbebengebiet zugesagt. Das ist für die geschätzten drei Millionen Menschen, die vom Erdbeben betroffen sind, aber auch für Pakistans Präsidenten ein ziemlicher Erfolg.

Denn er kann jetzt vor den Menschen im Land für sich beanspruchen, eine zunächst nicht so spendenfreudige internationale Gemeinschaft aufgerüttelt zu haben. In den vergangenen Wochen hatte sich Pervez Musharraf öffentlichkeitswirksam auch in mehreren Fernsehinterviews darüber beklagt, die Hilfsbereitschaft im Blick auf die Erdbebenopfer falle deutlich geringer aus als die Reaktion der internationalen Gemeinschaft Anfang des Jahres auf die Tsunami-Opfer in Südasien. Nach den Ankündigungen vom Samstag war nun der Dank des Präsidenten umso größer.

Die mehr als 300 Delegierten hätten gezeigt, dass die Welt „tatsächlich ein globales Dorf“ und „Pakistan ein Mitglied dieser Gemeinschaft der Nationen“ sei, sagte Musharraf. Pakistan werde diese Hilfe „nie vergessen“. Gleichzeitig rief der Präsident die Menschen im Land dazu auf, selbst weiter für den Wiederaufbau zu spenden, und kündigte eine weitere Konferenz an, in der dann ausschließlich Pakistanis über weitere Aufbauprojekte sprechen sollten.

Einen anderen Punkt überließ der Präsident seinem Premierminister. Dieser Punkt aber dürfte, gerade was die Hilfsgelder betrifft, äußerst wichtig werden. Bei der gemeinsamen Pressekonferenz versprach Shaukat Aziz den Gebern „totale Transparenz und Verantwortlichkeit“. Drei Instanzen würden die Vergabe der Gelder überwachen, außerdem werde man im Internet den Fluss der Gelder und die entsprechenden Projekte zugänglich machen, so dass der „Verbleib eines jeden Cents“ nachvollziehbar bleibe. Auch Aziz zeigte sich überaus dankbar für die angekündigte Hilfe: „Wir sind wirklich berührt von ihrer Großzügigkeit“, rief er den Vertretern der Länder zu.

Sein Versprechen voller Transparenz bei der Verwendung des Geldes kommt nicht von ungefähr. Pakistan ist nach Einschätzung internationaler Organisationen wie Transparency International eines der Länder mit der höchsten Korruption weltweit. Trotz heftiger Beteuerungen des Präsidenten, der immer noch Oberbefehlshaber der Armee ist, hat sich daran bisher nichts signifikant geändert. Das schreckt potenzielle Spender ab, zumal nicht einmal pakistanische Politiker vor der Konferenz ausschließen wollten, dass nicht ein Teil der Gelder für die Erdbebenopfer irgendwo versickern könnte. Der Premierminister hatte am Freitag ein Komitee ernannt, das die Verwendung der Gelder aus dem Nothilfe-Fonds des Präsidenten überwachen soll und UN-Generalsekretär Kofi Annan kündigte an, ein UN-Sonderbeauftragter werde die Weitergabe internationaler Hilfen sowie den Wiederaufbau kontrollieren.

Falls Pakistan jetzt willens und in der Lage sein sollte, die Hilfe transparent zu koordinieren, würde das nach Ansicht von Beobachtern Musharrafs Position im In- wie im Ausland stärken. Interessant wird in diesem Zusammenhang auch sein, wie stark die Armee in den Wiederaufbau eingebunden bleibt, beziehungsweise welche Position die Zentralregierung in Islamabad bei der Koordination einnimmt. Bisher leitet das Militär sämtliche Hilfsmaßnahmen, wofür es von Kofi Annan am Freitag sogar gelobt worden ist. Auf der Konferenz in Islamabad betonten Vertreter pakistanischer Behörden jedoch bereits die Notwendigkeit, bei der Koordination auch die Provinz- sowie die lokalen Regierungen mit einzubeziehen.

Eine weitere interessante Frage wird sich allerdings erst mit der Zeit beantworten lassen: Wie viele dieser 5,4 Milliarden Dollar tatsächlich fließen werden und wie viel Geld einfach nur versprochen wurde, um nicht hinter anderen Nationen anstehen zu müssen.

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