Politik : „Wir sind im Krieg“

Admiral Harry Harris, Kommandant von Guantanamo, über Vorwürfe gegen das US-Häftlingslager, seinen Status und seine Gefangenen

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Der US-Präsident sagt, er will Guantanamo schließen, das Oberste Gerichthat die Militärtribunale verboten. Was ist die Zukunft des Lagers?

Die politische Entscheidung muss Washington treffen. Auch wir hier in Guantanamomöchten das Lager schließen, sobald es nicht mehr benötigt wird. Doch wir brauchenes so lange, wie wir feindliche Kämpfer davon abhalten müssen, in den Krieg gegenuns zurückzukehren. Das Gericht hat die Rechtmäßigkeit des Lagers Guantanamo nichtin Frage gestellt.

Sie bauen gerade ein neues, viele Millionen Dollar teures Hochsicherheitsgefängnis.

Das erlaubt uns, unsere Aufgabe besser zu erfüllen: feindliche Kämpfer sicher und human zu verwahren und zu verhören.

Die Gerichte erklären immer wieder einzelne Teile der Operationen hier fürunrechtmäßig. Präsident Bushs Regierung verliert ein Verfahren nach dem anderen,angefangen vom Zugang der Gefangenen zu US-Gerichten bis zur Aussage, dass dieGenfer Konvention auch hier gilt.

Diese Urteile betreffen politische Aspekte des Umgangs mit Gefangenen, sie stellen weder das Lager an sich in Frage, noch verlangen sie, dass wir unsere tägliche Praxis ändern. Anwälte bekommen Zugang zu Gefangenen. Das ändert meine Aufgabe nicht.

In den Augen vieler anderer Staaten ist Guantanamo inhuman. Sie sind derKommandant. Tut das weh?

Ich habe das Kommando im März übernommen. Es gibt keine Vorwürfe aus diesen vier Monaten. Wir halten uns an Recht und Gesetz, es gibt weder Folter noch Demütigung.

Ehemalige Gefangene und Übersetzer haben von zum Teil schweren Misshandlungenbei Verhören berichtet.

Zu Vorwürfen vor meiner Zeit gab es mehr als ein Dutzend unabhängige Untersuchungen. Sie haben nicht einen Fall von Folter oder unmenschlicher Behandlung zu Tage gefördert.

In Ihrer Zeit kam es zu drei Selbstmorden. Sie sagten, das seien Akte asymmetrischerKriegsführung. Bereuen Sie das heute?

Wir hatten zwei Vorfälle. Erst Selbstmordversuche mit Überdosen gehorteter Medikamente im Mai. Diese Gefangenen wurden von uns gerettet. Und dann drei Suizide durch Erhängen im Juni. Ich bin traurig, dass wir das nicht verhindern konnten. Aber ich bleibe bei meiner Bewertung: Das war eine abgesprochene Aktion, kein Akt der Verzweiflung. Die Ärzte, die diese Männer betreuten, sehen es genauso: Es gab keine Zeichen von Depressionen.

Warum dürfen Journalisten nicht mit den Gefangenen sprechen?

Erstens stellt sich die Frage, in welchen Fällen wir es erlauben und in welchen nicht. Zweitens ist es ein Sicherheitsproblem. Mehrere Gefangene haben uns mit ihren Aussagen über andere geholfen. Wenn das öffentlich würde, müssten ihre Familien daheim Racheakte befürchten. Drittens verbietet die Genfer Konvention, Gefangene öffentlich vorzuführen.

Sind Sie sicher, dass alle Gefangenen hier hochgefährliche Terroristen sind?

Ich bin völlig überzeugt. Wir müssen sie alle hier behalten, bis auf die wenigen, die bei den jährlichen Überprüfungen nicht mehr als feindliche Kämpfer eingestuft werden.

Einige waren vielleicht nur zur falschen Zeit am falschen Ort, 2001 in Afghanistan,und wurden für ein paar tausend Dollar als angebliche Terroristen von der Nordallianzan die USA verkauft. Mehrere wurden nach zwei, drei Jahren Haft entlassen. Kannes nicht noch mehr solche Fälle geben? Die Gefangenen haben bis heute keine Chanceauf eine unabhängige Prüfung ihres Status.

Doch. Sie haben doch selbst das Review Bord – eine Überprüfungskommission aus drei US-Offizieren – bei der Arbeit beobachtet. Seit 2004 hatten alle Gefangenen mehrfach Gelegenheit, ihre Version zu erzählen und Beweismittel vorzulegen, durch Briefe, die sie schreiben dürfen, oder durch ihre Anwälte. Wir haben bisher fast 300 Gefangene freigelassen oder an ihre Heimatländer übergeben.

Eine Delegation der OSZE meinte nach ihrem Besuch hier, nur 30 bis 40 derrund 460 Gefangenen seien gefährlich.

Mal abgesehen davon, dass wir in der Einschätzung differieren – seit dem OSZE-Besuch im März hat der Widerstand in Afghanistan zugenommen. Manche Gefangenen haben jetzt einen höheren Wert bei Verhören.

Zum Beispiel?

Wir verhören, zum Beispiel, Kämpfer, die andere Terroristen im Bombenbau unterrichtet haben. Diese Handschrift gibt uns Hinweise auf die Urheber von Anschlägen, die heute in Afghanistan oder im Irak passieren. Und wir bekommen Informationen über Al-Qaida-Führer der nächsten Generation, auch 2006 noch.

Warum stellen Sie die Männer nicht einfach vor ein ordentliches Gericht?

Die Idee der Sicherheitsverwahrung ist nicht Strafe für nachgewiesene Verbrechen. Der Zweck von Guantanamo ist, feindliche Kämpfer daran zu hindern, auf das Schlachtfeld zurückzukehren. Das ist international gültiges Recht im Krieg. Die Frage ist: Bei wem können wir das Risiko eingehen, ihn freizulassen? In mehreren nachgewiesenen Fällen sind Entlassene in den Kampf zurückgekehrt. Wir sind im Krieg.

Mit Admiral Harris sprach Christoph von Marschall.

Harry Harris , in Japan geboren und in Tennessee und Florida aufgewachsen, leitet das Lager seit März 2006. Die Navy-Akademie schloss er 1978 ab. Seine Frau ist eine Deutsche aus Nagold.

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