Politik : „Wir sind jetzt alle verwaist“

Hans-Hagen Bremer

Paris - Die in eine schwarze Joppe gehüllte hagere Gestalt mit dem weißen Vollbart und den wachen Augen hinter der dicken Hornbrille kannten alle Franzosen. Wie einen Heiligen verehrten sie ihn. Nun trauert die Nation um Abbé Pierre, den Armenpriester, der während eines halben Jahrhunderts mit seinem Kampf gegen Elend und Wohnungsnot in der Wohlstandsgesellschaft wie kein anderer das soziale Gewissen eines ganzen Landes verkörperte. Am Montag starb der populäre Geistliche im Alter von 94 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung in einem Pariser Krankenhaus. „Ich bin bestürzt“, erklärte Staatspräsident Jacques Chirac zum Tod der „großen Persönlichkeit“, der er sich „mit Respekt und tiefer Zuneigung“ verbunden fühle.

Am 1. Februar ist es 53 Jahre her, dass ein damals unbekannter Priester in einer Rundfunkrede die Franzosen zur Hilfe für die Obdachlosen aufrief. Eine aus ihrer Wohnung ausgewiesene 60-jährige Frau war in jener eiskalten Winternacht auf einer Straße der Hauptstadt erfroren. Er appellierte zum „Aufstand der Güte“ und brachte eine beispiellose Spendenwelle in Gang, unter deren Druck das Parlament ein Sofortprogramm für den Bau von 12 000 Wohnungen beschloss.

Henri Grouès, wie der bürgerliche Name des 1912 geborenen Sohns einer wohlhabenden Lyoner Familie lautet, hat in seinem Leben oft gegen Armut und Unmenschlichkeit rebelliert. Er verzichtete auf sein Erbe, wurde Priester und verhalf während des Krieges Juden zur Flucht in die Schweiz. Nach dem Krieg trat er als Abgeordneter seine Diäten an Bedürftige ab und gründete die Stiftung Emmaus, die heute in 41 Ländern präsent ist. Zur Lehre der katholischen Kirche stand er oft in Widerspruch. Er trat für die Empfängnisverhütung ein und forderte die Aufhebung des Zölibats. 2005 gestand er, dass er selbst gegen das Keuschheitsgebot verstoßen habe.

Für seinen unablässigen Einsatz für die Mühseligen und Beladenen wurde er mit den höchsten Würden der Ehrenlegion ausgezeichnet. Die Franzosen erklärten ihn in Meinungsumfragen vor Stars wie dem Fußballer Zinedine Zidane zu ihrem beliebtesten Landsmann. Bescheiden wie er war, bat er darum, den Rummel um seine Person zu beenden. Noch auf dem Sterbebett fragte er nach dem Fortgang der Zeltaktion „Kinder des Don Quichotte“, mit der Obdachlose seit Dezember in Paris auf ihre Not aufmerksam machen. „Wir sind jetzt alle verwaist“, sagte einer von ihnen zum Tod Abbé Pierres.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben