Politik : „Wir sind keine Botschaft“

Die UN-Inspekteure sind ratlos, wie sie sich Hilfe suchenden Irakern gegenüber verhalten sollen

Ulrike Scheffer

Der Zwischenfall kam unerwartet. Und er traf die Inspekteure der Vereinten Nationen im Irak offenbar auch ganz unvorbereitet. Ein etwa 20 Jahre alter Mann sprang am Samstag vor ein Fahrzeug der Waffenkontrolleure. Der Fahrer des Wagens sei daraufhin ausgestiegen, berichtet Melissa Fleming, Sprecherin der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) in Wien. Der UN-Mitarbeiter habe versucht, mit dem Mann zu reden, ihn zum Verlassen der Straße zu bewegen. „Doch der wollte nicht gehen, er drang vielmehr in den Geländewagen ein und bedrängte den Beifahrer“, sagte Fleming am Montag dem Tagesspiegel.

Nach ihren Angaben sprach der Iraker Arabisch, was die Kommunikation erschwert habe, denn die Inspekteure sprächen kein oder nur wenig Arabisch. Nach Angaben von Nachrichtenagenturen hingegen konnte der junge Iraker allerdings zumindest ein paar Worte Englisch: „Save me!“ („Retten Sie mich!“) soll er den UN-Mitarbeiter im Wagen angefleht haben. Dieser jedoch blieb regungslos sitzen und reagierte nicht. „Es gibt keine besonderen Verhaltensregeln für eine solche Situation“, sagte Fleming. Jeder Mitarbeiter müsse individuell entscheiden, ob er sich bedroht fühle oder nicht. „Und dieser Mann wirkte eindeutig bedrohlich“, rechtfertigte Fleming den Einsatz der UN-Sicherheitskräfte, die von den beiden Inspekteuren per Funk angefordert wurden. Der UN-Sicherheitsdienst durchsuchte den Iraker und übergab ihn dann an irakische Sicherheitskräfte. Anschließend wurde er weggetragen. Nach Angaben von Fleming hatte der Festgenommene keine Waffen bei sich.

Die IAEO-Sprecherin räumte ein, dass es im Team der Inspekteure keine Vorkehrungen für Vorkommnisse dieser Art gibt. „Wir sind selbstverständlich bereit, Menschen zu helfen, aber wir sind keine Botschaft, die Flüchtlinge aufnehmen und schützen kann.“ Das Mandat für die Waffenkontrollen sehe nicht vor, Zivilisten zu schützen. „Wir haben lediglich Pläne für den Fall, dass ein Wissenschaftler, der Kenntnisse über Massenvernichtungswaffen haben könnte, das Land verlassen möchte, um seine Informationen an uns weiterzugeben“, fügte Fleming hinzu.

Was aus dem Hilfe Suchenden vom Samstag geworden ist, konnte die IAEO nicht sagen – und auch das Schicksal des Irakers, der ebenfalls am Samstag versuchte, in das Hauptquartier der UN in Bagdad einzudringen, ist unklar. Dieser Mann war mit mehreren Messern bewaffnet. Er wurde von den Sicherheitskräften der UN überwältigt und anschließend von der Polizei verhaftet. Über seine Motive wurde nichts bekannt.

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