Politik : „Wir sind nicht mehr neidisch auf die Schweden“

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Vor 100 Jahren löste Norwegen die Union mit Schweden auf, wurde souveräne Monarchie. Was mögen Sie an den Schweden?

Ich habe die Schweden sehr gern. Ich glaube für die Generation nach 1905 ist das eine andere Sache. Mein Großvater war sehr gegen Schweden, mein Vater schon nicht mehr. Es besteht auf allen Ebenen eine sehr enge Zusammenarbeit. Im Norden ist Schweden unser wichtigster Partner, so wie Deutschland kontinental gesehen. Es hat natürlich im Krieg einige Gegensätze gegeben. Norwegen war besetzt, Schweden war neutral und hat – wie mein Vater behauptete – sogar vom Krieg profitiert. Aber das ist Geschichte.

Öl und Gas haben Norwegen zu einem der reichsten Länder gemacht. Erleben Sie den Nachbarn Schweden nie neidisch?

Als ich jünger war, war Schweden viel reicher und mehr industrialisiert. Bis Anfang der 70er Jahre durch die Öl- und Gasvorkommen neue Zeiten anbrachen. Ob die Schweden neidisch sind, weiß ich natürlich nicht. Aber wir sind jedenfalls nicht mehr neidisch auf die Schweden.

Unser noch amtierender Kanzler Schröder hat gerade wieder bei seinem Besuch in Oslo die guten Beziehungen gelobt. Beim norwegischen Volk sind die Deutschen nicht so beliebt. Nur eine Folge des Krieges?

Für die älteren Generationen war das sicher so. Aber meine Eltern haben zum Beispiel in den 50er Jahren deutsche Flüchtlingskinder aufgenommen. Fünf verschiedene, die in Flüchtlingslagern geboren worden waren, obwohl mein Vater sehr aktiv im Widerstand gegen die Nazis gewesen war. Doch er hat damals gesagt: Den Kindern müssen wir helfen. Es besteht ein tiefes Gefühl bei den meisten Norwegern, dass sich die Beziehungen zu Deutschland weiter gut entwickeln werden – so wie es vor dem Krieg war.

Oslos Regierung hat erst 2004 entschieden, Rentenansprüche von Norwegerinnen, die im Krieg mit Wehrmachtssoldaten liiert waren, leichter anzuerkennen. Hat sich Norwegen mit der Aussöhnung schwer getan?

Ich glaube in der Tat, das hat zu lange gedauert. Das war teilweise vergessen, und viele jüngere Leute wussten das gar nicht.

Wie sehen die Jungen Deutschland?

Das Bewusstsein von der positiven Bedeutung Deutschlands für Norwegen ist nicht ganz so entwickelt wie es sein sollte. Wir haben uns nach dem Krieg mehr transatlantisch und britisch ausgerichtet. Es gibt kulturell eine Neigung nach Westen, nicht nach Kontinentaleuropa. Die jüngeren Leute machen lieber „Surf-and-study“ in Australien als an die ausgezeichneten deutschen Universitäten zu gehen. Das zu ändern, ist eine kulturelle Frage, und daran arbeiten auch wir als Botschaft. Auf allen Ebenen gibt es Programme, um die bilateralen Kontakte zu fördern. Und ich glaube, es gibt auch da eine Wende. Berlin zum Beispiel wirkt auf viele junge Norweger wie ein Magnet vor allem im Kulturbereich. Das ist eine relativ neue Entwicklung der vergangenen zehn Jahre.

Die neue Regierung hat deutlich gemacht, dass ein EU-Beitritt in den nächsten vier Jahren keine Rolle spielen wird. Wo sehen Sie außenpolitische Schwerpunkte?

Wir sind zwar nicht EU-Mitglied, aber wir sind am EU-Binnenmarkt beteiligt und am Schengen-Abkommen. Wir sind an außen- und sicherheitspolitischer Zusammenarbeit beteiligt. Und wir sind der neuntgrößte Einzahler in die Regionalkasse der EU. Wir zahlen jedes Jahr 227 Millionen Euro für die baltischen Staaten, Polen und die übrigen neuen Mitgliedsländer. Wir sind also solidarisch dabei, nur haben wir in Brüssel keine Stimme. Die Nato wird natürlich eine zentrale Organisation für uns bleiben. Und unsere Bemühungen als Friedensvermittler zum Beispiel in Nahost oder Sri Lanka werden sicher fortgesetzt.

Gibt es neue Herausforderungen?

Die Situation in den nördlichen Regionen. Es gibt eine Reihe wichtiger Fragen wie Fischerei, Umwelt, die polaren und arktischen Probleme sowie die Energie und in diesem Zusammenhang auch die Zusammenarbeit mit Russland. Ich sehe für die Zukunft eine mögliche enge strategische Zusammenarbeit im Norden von Norwegen, Russland und Deutschland. Ihr Land möchte sichere langfristige Energieversorgung. 30 Prozent des Gases in Deutschland stammt aus Norwegen. In einem Dreieck strategischer Partnerschaften können Deutschland und Norwegen technisch und finanziell Ressourcen aktivieren und Russland einbinden. Ich denke, auch eine neue Bundesregierung wird das nicht anders sehen.

Das Gespräch führte S. Lemkemeyer

Björn Tore Godal (60) ist seit 2003 norwegischer Botschafter in Berlin. Von 1994 bis 1997 war er Außenminister, in den Jahren 2000 bis 2001

Verteidigungsminister seines Landes.

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