Politik : „Wir sind nicht sicher, dass er es ist“

Schwedens Polizei hat im Mordfall Lindh einen Mann verhaftet. Jetzt hofft sie auf Beweise – auch durch die DNA

André Anwar[Stockholm],Sven Lemkemeyer

Von André Anwar, Stockholm

und Sven Lemkemeyer

Es klingt wie aus einem Drehbuch schwedischer Krimiautoren: Das Fußballstadion am Montagabend war voll besetzt. Die populären beiden Stockholmer Erstligisten Djurgården und Hammarby traten gegeneinander an. Auch Anna Lindhs Mann Bo Holmberg (61) und die beiden Söhne David (13) und Filip (9) schauten sich das Spiel an, als der Mann, der vielleicht der Mörder der Außenministerin ist, im Restaurant „East“ ganz in der Nähe verhaftet wurde. Er verfolgte dort mit zwei Freunden das gleiche Spiel auf der Großleinwand, als einer der Gäste ihn erkannte und die Polizei alarmierte.

„Der Verdächtige wurde von Zivilbeamten verhaftet. Das ging relativ undramatisch zu. Er war unbewaffnet“, sagte Stockholms Polizeichef Leif Jennekvist. Der Verhaftete ähnele dem Mann, der von den Überwachungskameras im Kaufhaus NK in der Stockholmer Innenstadt Minuten vor dem Messer-Attentat auf die 46-jährige Lindh am Mittwoch vergangener Woche gefilmt worden war, sagte der Polizeichef sehr vorsichtig. Die Beamten nahmen in dem Restaurant auch die beiden anderen Männer fest.

Die Polizei war am Dienstag äußerst vorsichtig mit ihren Aussagen, denn ob der Mann auf den Videos der Überwachungskameras aus dem Stockwerk über dem Ort des Attentates wirklich der Täter ist, war auch am Mittwochnachmittag noch unklar. Die Behörden hoffen auf Beweise mit Hilfe von DNA-Spuren, die an der Mordwaffe und an einer vom Täter im Kaufhaus zurückgelassenen Baseballkappe gefunden wurden. Vergleichsmaterial wurde dem Verhafteten in der Nacht entnommen. Das bei der Tat verwendete Messer war bereits zur Untersuchung nach Großbritannien geschickt worden, da die schwedischen Labors derartige DNA-Untersuchungen nicht ausführen können. Mit einem vorläufigen Ergebnis wird am heutigen Donnerstag gerechnet. Von den ersten Verhören des Mannes wurde zunächst nichts bekannt. „Wir sind noch nicht sicher, dass er es ist. Wir haben immer noch mindestens fünf weitere Personen, die wir verhören müssen. Das ist noch ein langer Weg“, sagte Polizeichef Jennekvist. Eine Sprecherin ging während einer Pressekonferenz sogar von „monatelanger, mühsamer Fahndungsarbeit“ aus. Am Dienstag führte die Polizei mehrere Hausdurchsuchungen durch, um Beweismittel zu sichern.

Die Boulevardpresse veröffentlichte am Mittwoch neue Gerüchte über den mutmaßlichen Mörder. So sagte ein angeblicher früherer Liebhaber des 35-Jährigen, der bisexuell sein soll, der Zeitung „Aftonbladet“, dass der Mann in den gehobenen Stockholmer Kreisen und in bekannten Cafés und Bars der Stadt verkehrte. „Wir konnten uns über nahezu alles unterhalten, von deutscher Literatur bis hin zu Sport. Sein Kleidungsstil war sehr elegant, und er sah aus wie ein typischer junger Snob“, zitiert die Zeitung.

Alle führenden Medien berichteten über ein langes Vorstrafenregister. Die vielen Vorstrafen von Kreditkartenbetrug über Gewalttaten mit Messern bis hin zu Bedrohung der eigenen Eltern habe ihm auch ein rechtspsychiatrisches Gutachten eingebracht, in dem er als erheblich psychisch gestört eingeschätzt wurde. Andere Bekannte berichteten, er habe „mit Armani-Anzügen und Nazi-Uniform im Kleiderschrank“ den Eindruck einer gespaltenen, extrem aggressiven, von Größenwahn geprägten Person gemacht. Sowohl seine Eltern als auch eine Ex-Freundin berichteten von Misshandlungen. All das passte ebenso gut in das nach dem Messer-Attentat von der Polizei verbreitete „Täterprofil“ wie die angebliche Kokain- und Alkoholabhängigkeit.

Die Frage, ob der Mann – wie ebenfalls von den Medien berichtet – tatsächlich Verbindungen zu schwedischen Neonazis habe, spielte die Polizei am Donnerstag herunter. Es gebe derzeit nichts, was auf eine Beteiligung von Neonazis hindeute, hieß es aus der Zentrale der Stockholmer Polizei. Der Vater des Verhafteten sagte der Zeitung „Expressen“, sein Sohn habe Ausländer gehasst. Wie das Blatt unter Berufung auf die Polizei weiter schrieb, habe der Vater seinen Sohn auf den Fahndungsfotos erkannt und der Polizei den entscheidenden Tipp gegeben.

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