Politik : "Wir sind nur so stark wie unsere öffentliche Wirkung"

Wie mächtig ist Greenpeace International[man]

Interview mit Thilo Bode über Geld, neue Aufgaben in der Dritten Welt und das Unbehagen an der Globalisierung

Thilo Bode (53) führt Greenpeace International seit 1995. Bevor er zur Dachorganisation wechselte, war der gelernte Volkswirt sechs Jahre lang Geschäftsführer von Greenpeace Deutschland. Die Zukunft des Umweltkonzerns sieht Bode, der früher selbst Entwicklungsprojekte gemanagt hat, in Asien und Südamerika, wo Öko- und soziale Bewegung eins seien: "Die Armen haben weder sauberes Wasser noch saubere Luft."

Wie mächtig ist Greenpeace International, man hört Sie haben Geldprobleme?

Finanzielle Schwierigkeiten haben wir seit einigen Jahren nicht mehr. Aber wir sind wie die EU, wir haben selber kaum Einnahmen, nur die Mitgliedsstaaten haben welche. Unser Einfluss hängt jedoch nicht so sehr am Geld.

Woran denn?

Ob es uns gelingt, als Gesamtorganisation noch schneller und effektiver agieren zu können - um den global agierenden Unternehmen etwas entgegensetzen zu können.

Ist Greenpeace auf dem Weg zum Global Player oder auf dem Weg in die Krise?

Von Krise kann keine Rede sein. Nur in Industrieländern mit umweltpolitischen Erfolgen nimmt aus oft diskutierten Gründen die Sichtbarkeit ab, während global unsere Wirkung zunimmt. In Hongkong sind allein in den letzten drei Monaten 5000 neue Mitglieder hinzugekommen - Greenpeace China trägt sich nunmehr selbst. Argentinien ist das erste Nicht-OECD-Land, das sich selbst finanzieren kann. Und vor fünf Wochen haben wir beschlossen, Greenpeace-Büros in Indien und Südostasien zu eröffnen. Das Umweltbewusstsein in diesen Ländern nimmt stark zu, denn die Umweltbewegung ist automatisch auch eine soziale: Die Armen haben weder sauberes Wasser noch saubere Luft. Dort haben wir noch ein Aktionsmonopol, so etwas wie uns gibt es dort sonst nicht.

Wie kommen Sie in China klar? Immerhin ist das nach wie vor eine Diktatur.

Wir arbeiten von Hongkong aus und gelten als "unpolitisch", weil wir uns um die Umwelt kümmern. Im Effekt aber kann Greenpeace einiges zum Aufbau einer Zivilgesellschaft in China beitragen.

Das wichtigste globale Ereignis der letzten Zeit war sicherlich die Konferenz der Welthandelsorganisation (WTO) in Seattle und der ebenso massive wie bunte Protest dagegen. Waren Sie vom Protest überrascht oder haben sie ihn gemacht?

Sowohl als auch. Wir haben nur unsere Aktionen geplant und waren von der Wucht des Protests wirklich überrascht. In Seattle sind eine Menge von Organisationen zusammengekommen, die sich zum Teil gegenseitig widersprochen haben, sich aber trotzdem in ihrer Wirkung verstärkten, weil sich da ein globales Unbehagen an der Globalisierung ausdrückte. Die NGO haben in Seattle eine harte Nuss geknackt: Die WTO wird nach Seattle nicht wieder so sein wie sie war. Sie muss transparenter werden. Die Organisation funktioniert bisher nach dem Muster einer Lee-Kuan-Yew-Demokratie.

Wenn die WTO sich öffnet, dann wird Greenpeace beim nächsten Mal wieder draußen vor den Türen protestieren und drinnen in den Sälen mitverhandeln.

Ja sicher. Aber wir werden mehr drinnen als draußen sein. Wie übrigens auch in Davos bei der Weltwirtschaftskonferenz. Obwohl wir beim Mitmachen vorsichtig sein müssen. Am Ende sitzen wir nur noch am Verhandlungstisch und verzetteln uns, weil Greenpeace einfach nicht die Ressourcen hat wie die großen Staaten und die großen Firmen. Die Gefahr ist, etwa bei Klima-Konferenzen, dass man sich am Ende als Mitspieler fühlt. Das sind wir aber nicht, weil wir nur so stark sind wie unsere jeweilige öffentliche Wirkung.

Kann Greenpeace denn nicht mit den Firmen zusammenarbeiten, die ein eigenes Interesse am Erhalt der Umwelt haben, etwa viel sie vom Fischfang leben und sich Sorgen um die Überfischung machen müssen. Braucht man unbedingt die staatliche Ebene?

Das geht nur da, wo die kommerziellen Interessen sich mit den Belangen der Umwelt decken. Beim Thema Öl, und das heißt auch beim Klima, kommen wir ohne staatliche und zwischenstaatliche Vereinbarungen gewiss nicht aus. Ich rechne aber damit, dass es in Zukunft viel häufiger globale Allianzen zwischen Nichtregierungsorganisationen wie uns und den großen Konzernen geben wird. Ein zwar sicherlich noch verbesserungswürdiges Abkommen über die Prinzipien nachhaltigen Fischfangs ist zum Beispiel auf Initiative von Unilever zustande gekommen, die wissen, dass sie als Lebensmittelkonzern Probleme bekommen, wenn die Meere überfischt sind. So etwas wird möglicherweise wirksamer werden als eine internationale Konvention zu diesem Thema.

Warum nimmt der Einfluss von Greenpeace in den großen Industrieländern ab?

Das stimmt so nicht. In einigen nimmt er zu, zum Beispiel in Frankreich, Spanien und Holland. In anderen, wie im rot-grünen Deutschland, ist die Arbeit schwieriger geworden. Wir sind keine soziale Bewegung mehr, mit Umwelt beschäftigt sich jedes Unternehmen, jede Kirche. Zum anderen geht es in Mitteleuropa und Nordamerika nicht mehr um das eine oder andere Umweltproblem, sondern um die Produktionsweisen und Konsumgewohnheiten insgesamt. Dagegen Kampagnen zu organisieren, ist komplizierter als gegen eine Ölplattform oder eine Chemiefabrik.

Was soll denn Greenpeace in diesen Ländern künftig sein? Aktionistengruppe, Kühlschränkehersteller oder Stromkonzern?

Wir werden das tun, was wir am besten können und was den größten Druck zur Veränderung erzeugt. Das hängt von der gesellschaftlichen Entwicklung ab, die wir nicht planen können. Oft wurden wir von der Wirkung unserer Aktionen selbst überrascht, sowohl bei den Erfolgen wie bei den Flops.

Hängt die Schwäche auch damit zusammen, dass in Frankreich oder in Deutschland die Grünen mitregieren?

Greenpeace schwächelt nicht, obwohl das manche gerne hätten. Warum sollen wir gegen eine Umweltministerin Voynet oder einen Umweltminister Trittin nicht genauso entschlossen vorgehen, wie wir es jahrelang gegenüber einer bürgerlichen Regierung getan haben? Unsere Stärke ist die Unabhängigkeit von Parteien und Regierungen. Greenpeace muss sich deshalb vor einer zu großen Nähe zu den Grünen in Acht nehmen.

Besteht die Gefahr, dass Greenpeace International bald so beliebt und gefällig ist, dass Sie den Nobelpreis bekommen?

Wenn sie wüßten, unter welchen Risiken und gegen welchen Widerstand Greenpeace in Brasilien, in Libanon und in Mexiko arbeitet, würden Sie diese Frage nicht stellen.

1985 ist Greenpeace durch den Anschlag auf die Rainbow Warrior erst richtig berühmt geworden. Zehn Jahre später kam Brent Spar. Was wäre heute ein Symbol für ein Greenpeace der Zukunft?

Durchaus der Klassiker, aber in neuer Dimension: Eine direkte Aktion in China mit Bannern, die von der chinesischen Mauer hängen. Wenn das von der Bevölkerung getragen würde, wäre das eine Entwicklung ähnlich wie bei uns, der Schritt hin zu einer Bürgergesellschaft. Und als zweites eine gemeinsame Feier mit der brasilianischen Regierung, anlässlich eines Gesetzes, das zwei Drittel des Amazonas unter Schutz stellt. Das wäre ein Riesenerfolg. Und unmöglich ist es auch nicht.

Und die weitere Möglichkeit, dass Greenpeace irgendwann zum Ökokaufhaus wird, das Fahrräder, Drei-Liter-Autos und grünen Strom anbietet?

Nein, das sind einfach nicht unsere Stärken. Wir sollten nicht das machen, was andere besser können als wir.Das Gespräch führten Andrea Dernbach und Bernd Ulrich

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