Politik : „Wir steuern auf Krach mit Moskau zu“

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Drei Jahre lang haben Sie gegen Präsident Leonid Kutschma protestiert. Warum kam es jetzt zur orangenen Revolution?

Mit der Wahlfälschung in der zweiten Runde war das Maß voll. Die gelähmte Gesellschaft hatte das Gefühl, keinen Einfluss auf das eigene Schicksal zu haben, schon zu Zeiten der Sowjetunion und auch in den 13 Jahren unserer Unabhängigkeit. Wir kamen gemeinsam zu der Ansicht, dass wir als Volk unser Schicksal souverän bestimmen können.

Was steht auf Ihrer Agenda?

Der Staat ist krank und muss in fast allen Bereichen reformiert werden. Das wird nicht überall rasch gehen. Wir werden der Hydra der Korruption den Hals umdrehen. Die privatisierten staatlichen Strukturen dürfen den Bürger nicht mehr als milchende Kuh behandeln. Wir müssen den kleinen und mittleren Unternehmen, den individuellen Initiativen grünes Licht geben.

Russland hat sich in die Präsidentenwahlen in der Ukraine aktiv eingemischt.

Russland und die Ukraine sind vergleichbar mit siamesischen Zwillingen, die sich nicht operieren lassen wollen. Uns verbindet eine mehrhundertjährige Geschichte. Wir sind fast völlig von russischen Energielieferungen abhängig. Millionen Ukrainer sprechen im Alltag Russisch, Millionen leben in Russland selbst. Deshalb sind wir aber noch lange nicht Russlands Vasall. Wir müssen unseren Minderwertigkeitskomplex ablegen. Es kann durchaus sein, dass wir auf einigen Gebieten auf eine Konfrontation mit Russland zusteuern, dass die Zeit der ukrainischen Zugeständnisse vorbei ist. Der Kreml wird sich daran gewöhnen müssen, dass die Ukraine jetzt ein ebenbürtiger Partner ist.

Das Gespräch führte

Zygmunt Dzieciolowski

Julia Timoschenko , 44, Unternehmerin aus Dnjepropetrowsk, gilt in Kiew bei einem Sieg der Opposition als aussichtsreichste

Anwärterin auf das Amt des

Ministerpräsidenten.

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