Politik : „Wir tun zu wenig für Lateinamerika“

Am Freitag kommender Woche findet der 5. EU-Lateinamerikagipfel in Peru statt. Am Sonntag startet Kanzlerin Merkel ihren ersten Besuch in der Region – ist in der Vergangenheit genug getan worden, um die Beziehungen fruchtbar zu gestalten?

Nein. Wir haben, salopp formuliert, die europäische und damit auch die deutsche Lateinamerikapolitik an die Spanier abgegeben. Dabei hatten wir Deutsche lange einen hervorragenden Ruf in der Region. Heute aber sind wir selbst in den großen lateinamerikanischen Ländern nur noch der fünft- oder sechstwichtigste Partner.

Macht der Kontinent womöglich zu wenig durch Krieg, Terrorexport oder Massenvernichtungswaffen auf sich aufmerksam?

Ja. Der Mangel an Interesse ist ein Zeichen für unsere Normalität, sagen die Lateinamerikaner: Wir sind zu normal geworden – mit funktionierenden, wenn auch nicht immer gefestigten Demokratien und wachsenden Volkswirtschaften.

Müsste die strategische Partnerschaft nicht schon deshalb mit mehr Leben erfüllt werden, weil gefestigte Demokratien im Sicherheitsinteresse des Westens lägen?

Das ist richtig. Aber wir sollten nicht meinen, dass die Lateinamerikaner europäische Demokratievorstellungen übernehmen. Wir müssen mit dem Anderssein Lateinamerikas fertig werden.

Liegt in diesem Anderssein auch die Chance für Lernerfahrungen des Westens?

Ich glaube, dass man hinsichtlich des Managements in der Globalisierung mit den Lateinamerikanern nicht nur anregende Gespräche führen, sondern auch gemeinsame Positionen in den internationalen Organisationen finden könnte.

Was heißt das?

Ein Beispiel könnte sein, dass man bei der internationalen Finanzarchitektur neue Strukturen einzieht. Das, was jetzt bei uns passiert ist, ist ja vor Jahren schon in Lateinamerika passiert: dass Banken pleitegegangen sind und einige Staaten beinahe auch, weil die Finanzströme nicht ausreichend reguliert sind.

Müssten Lateinamerikaner in Fragen von weltweiter Bedeutung mehr Gehör finden?

Zumindest sind sie in bestimmten Bereichen dem europäischen Denken stärker verbunden als die Asiaten. Vor allen Dingen, wenn es um internationales Recht geht, um Frieden schaffende Maßnahmen, um sozialen Ausgleich, könnte man mit den Lateinamerikanern sicher mehr machen, wenn man sie ernster nähme.

Diesen Versuch hat es 2000 von US-Präsident George W. Bush gegeben …

Genau. Der hat damals vom amerikanischen Jahrhundert gesprochen und hatte das durchaus auch auf Lateinamerika bezogen. Das war mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 vorbei. Aber gerade weil viele Lateinamerikaner von den USA in den letzten Jahren sehr enttäuscht sind, schaut man wieder mehr auf Europa. Dort sieht man zumindest zum Teil verwirklicht, was man sich selbst wünscht: eine regionale Kooperation, die die Vielfalt nationaler Entwicklungen nicht einengt, sondern fördert.

Wolf Grabendorff (68), Politikwissenschaftler, war Direktor des Instituts für Europäisch-Lateinamerikanische Beziehungen (IRELA) in Madrid.

Das Gespräch führte Michael Schmidt.

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