Politik : Wir und der Krieg: Zahlen

PAUL STOOP

Jeden Tag berichten wir über den Krieg.Doch nicht jeden Tag wissen wir, ob das, was wir berichten, auch der Wahrheit entspricht.In Belgrad herrscht Zensur, und von der NATO fühlt sich selbst der deutsche Verteidigungsminister nicht immer ausreichend informiert.In der Redaktion des Tagesspiegels gibt es fast täglich heftige Diskussionen darüber, welcher Text und welches Bild noch zu verantworten ist.Diese Rubrik gibt Einblicke in Widersprüche und Zweifel von Journalisten in den Zeiten des Krieges.



Ein empörter Leser schreibt, der Tagesspiegel stelle "das terroristische Treiben der Serben gegen die albanische Minderheit in den Vordergrund", daß "aber die NATO (...) Tausende und Abertausende von unschuldigen serbischen Menschen töten, findet nur sekundäre Erwähnung".Die Frage nach den zivilen Opfern ist berechtigt.Der Mangel an Informationen über diese Seite des Krieges hat jedoch handfeste Gründe.Von "Tausenden" Opfern spricht selbst die jugoslawische Regierung nicht.Sie spricht von 540 zivilen Opfern der "NATO-Aggression" - und schweigt über die von serbischen Milizen ermordeten Kosovaren.Niemand kann die Zahlen kontrollieren.Das Rote Kreuz zählt nicht."Wir sammeln Angaben, die wir brauchen, um Hilfe zu bieten, nicht systematisch und nicht zur Veröffentlichung", sagt eine Sprecherin in Genf.

Der Leser beklagt auch, wir veröffentlichten "absurde Kriegspropaganda (...) wie die Behauptung, bei der totalen Zerstörung einer von Tausenden Menschen bevölkerten Automobilfabrik habe es überhaupt keine Toten gegeben".Unsere große Reportage über die Zerstörung der Zastava-Autofabrik - die übrigens belegt, daß zivile Opfer der Angriffe nicht vernachlässigt werden - schilderte detailliert die furchtbaren Folgen der Angriffe für die Bevölkerung.Nach offiziellen Angaben gab es dabei tatsächlich keine Toten, wohl aber 30 Verletzte.Es gibt wirklich absurd Anmutendes, wie schwere Verwüstungen ohne Tote; Gebäude werden vor dem Angriff geräumt, wie unser Reporter bestätigt.Ob es dabei doch Opfer gab, werden wir später erfahren: wenn Zensur und Behinderung der Medien beendet sind.

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