Politik : WIR UND DER KRIEG

ARMIN LEHMANN

Jeden Tag berichten wir über den Krieg.Doch nicht jeden Tag wissen wir, ob das, was wir berichten, auch der Wahrheit entspricht.In Belgrad herrscht Zensur, und von der NATO fühlt sich selbst der deutsche Verteidigungsminister nicht immer ausreichend informiert.In der Redaktion des Tagesspiegels gibt es fast täglich heftige Diskussionen darüber, welcher Text und welches Bild noch zu verantworten ist.Diese Rubrik gibt Einblicke in Widersprüche und Zweifel von Journalisten in den Zeiten des Krieges.

Plötzlich waren sie da.Die Bilder von behinderten Kindern, von einem Heim im Kosovo.Die täglichen Bilder aus dem Kriegsgebiet sind grausam.Was sollen uns jetzt diese neuen Bilder sagen, was beschreiben sie, warum wurden sie gesendet? Sie erinnern an Rumänien.An die schrecklichen Aufnahmen von Heimen dort vor einigen Jahren.Ratlosigkeit.Was machen wir mit diesen Bildern? Abdrucken? Ja, aber wo ist die Geschichte dazu? Wir fragen nach bei bei der zuständigen Bildagentur.Der Mann am Telefon ist genauso überrumpelt."Was sagen Sie, Bilder von Behinderten? Ja, ja warum nur?" Es ist nämlich so: Der Fotograf ist da irgendwo unterwegs im Kosovo.Vielleicht haben ihn die Serben in das Heim geführt, vielleicht ist er einfach so draufgestoßen.Eine Geschichte dazu gibt es nicht.Nur die Bilder und drei Zeilen Bildtext dazu, wie es für die Fotoagenturen üblich ist.Es gehe, steht da, um ein Hospital in der Nähe der Stadt Pristina.Die Menschen dort müßten unter schlechten Bedingungen leben.In London, sagt uns die Fotoagentur, würden die Kollegen die kurzen Texte, die der Fotograf für die Bilder macht, nur auf Rechtschreibung und Grammatik überprüfen.Das ist alles.Auf den Bildern sieht man Kinder, die weinend in der Ecke sitzen.Oder im Rollstuhl.Eines lacht.Wir wissen nicht, was mit den Menschen passiert.Vielleicht sind sie längst tot.Aber wir hoffen, daß sie noch am Leben sind.

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