Politik : …wir uns schriftlich duellieren

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Der Begriff des Duells schillert ein wenig im historischen Rückblick. Es begann vermutlich bei Neandertalern, die sich mit Keulen auf den Kopf schlugen, bis einer auf der Strecke blieb, dann traten Ritter auf, die sich gegenseitig durchbohrten, bis das sparsame Pistolenduell auch die Schwerter und Pferde entbehrlich machte. Dass Ferdinand Lassalle, der Vorvater der Sozialdemokratie, 1864 bei einer solchen Schießerei starb, ist bekannt, hat aber keine politischen Implikationen, denn es ging um eine Frau.

Andererseits wäre die Geschichte der Sozialdemokratie womöglich anders verlaufen, hätten Lassalle und sein Gegner die Sache nicht ausgeschossen, sondern sich zu einem Printduell getroffen, wie es heute Stand der Dinge ist in allen politisch kontroversen Fragen. Edmund Stoiber hat sich ein wenig geziert, hat erklärt, er sei bereit zu einem „Schlagabtausch“ mit Oskar Lafontaine. Die deutschen StoiberAstrologen zogen daraus den Schluss, dies solle vor laufenden Kameras geschehen, doch alsbald ward der Begriff des Printduells geboren. Hier! rief der „Spiegel“ gestern, machen wir bei uns!

Printduell, nun ja. Stellen wir uns vor, dass zwei kräftige Herren, sagen wir: Klitschko und Tyson, den Beschluss fassen, Kämpfe nur noch schriftlich auszutragen. Statt sich aufs Auge zu hauen, füllen sie in der Redaktion einer Sportzeitung Zettel aus. Zack! Uff! Aua! Rechter Haken! Der Chefredakteur ruft alle drei Minuten „Gong!“ , dann legen die Kontrahenten die Zettel weg und verschnaufen – und später wird uns erklärt, wer warum gewonnen habe.

Feinsinnige werden sagen: Da fließt kein Blut, das ist doch ein zivilisatorischer Fortschritt! Schon – aber ist es auch gut für den Sport? Wollen die Leute Printduelle? Was wäre der legendäre Kampf zwischen Kennedy und Nixon 1960 ohne Fernsehen gewesen? Ein Haufen Papier. Nixon hätte die Wahl gewonnen und später Kuba in Schutt und Asche gelegt, womit der Nutzen echter, sichtbarer Duelle sogar für den Weltfrieden bewiesen wäre.

Andererseits: Stoiber kann im Printduell nur gewinnen. Wenn ein fürsorglicher Redakteur seine Wortgirlanden sortiert, unvollendete Halbsätze ergänzt, einige Hundertschaften „Äh“, und „also“, Räusperer und Hüstler aussortiert, wird uns allen klarer werden, wofür genau der große bayerische Zauderer heute steht. Von der Klarheit der neandertalischen Politik sind wir damit aber immer noch ein ganzes Stück entfernt. bm

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