Politik : „Wir unterstützen alle außer England“

Die Schotten haben Geschmack an ihrer politischen Teilautonomie gefunden – jetzt wollen viele die völlige Unabhängigkeit

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Wenn es nach dem Chef der schottischen Nationalpartei SNP, Alex Salmond, geht, wird Schottland 2012 mit einem eigenen Team an den Olympischen Spielen in London teilnehmen. Auch viele Engländer halten es nicht für besonders erstrebenswert, dass schottische und englische Fußballer 2012 ein gemeinsames Olympiateam bilden. „Wir unterstützen alle außer England“ – so lautete schließlich auch der Schlachtruf der Schotten bei der Fußball-Weltmeisterschaft im vergangenen Sommer.

Parteichef Salmond setzt nun darauf, dass er nach der Neuwahl des schottischen Regionalparlaments am 3. Mai 2007 den Labour-Politiker Jack McConnell als „First Minister“ ablöst – als Chef einer Koalitionsregierung, auch wenn Labour die stärkste Partei bleiben sollte. Dann will er seinen Plan für die schottische Unabhängigkeit umsetzen: Ein Unabhängigkeitsreferendum, vielleicht schon 2008 oder 2009.

Der Plan ist gar nicht so abwegig. 44 Prozent der Schotten wollen die Union auflösen, die Schottland und England vor fast genau 300 Jahren zum „Königreich Großbritannien“ zusammenfügte. Nur 42 Prozent wollen den status quo. Im Jahr 2000, als das Referendum über die Regionalautonomie noch frisch und das neue schottische Regionalparlament noch neu war, wollten nur 23 Prozent die Unabhängigkeit. Labour hatte gehofft, dem Unabhängigkeitsstreben der Schotten mit der Teilautonomie den Stachel gezogen zu haben. Das Gegenteil scheint der Fall.

Die Schotten haben Geschmack an der Selbstständigkeit gefunden. Schottlands Liberaldemokraten wollen von dem Recht Gebrauch machen, die Steuern gegenüber England um bis zu drei Prozent zu variieren – nach oben. Andere wie der konservative Historiker Michael Fry, einst ein Verfechter der Union, setzen auf eine „liberale Demokratie mit limitiertem staatlichen Einfluss und kapitalistischem Wohlstand“. Er findet, dass die Teilautonomie „alles nur schlimmer gemacht hat“. Lieber ganz unabhängig sein, als „den Engländern immer die Bettelschale hinhalten“, meint Fry. Nachdem sogar der schottische Kardinal Keith O’Brien die Unabhängigkeit als gute Sache bezeichnete, warnte Premierminister Tony Blair: „Das würde die schottische Wirtschaft zerstören und das Land zurückwerfen.“ Noch eindringlicher warnte Schatzkanzler Gordon Brown die Schotten davor, die Union aufzukündigen: Kein Wunder, als schottischer Abgeordneter könnte er bei einer Trennung der Nationen nie und nimmer Premier der Engländer werden. Brown hütet sich aber, Blairs Wirtschaftswarnung mit Zahlen auszuschmücken. Denn das würde viele Engländer noch mehr gegen ihn als Schotten aufbringen. Schottland bringt dem Vereinigten Königreich zwar rund 4,3 Milliarden Pfund im Jahr an Öleinnahmen – aber es schluckt 11,3 Milliarden an Subventionen von London.

Die fünf Millionen Schotten träumen von einem Wirtschaftswunder à la Irland. Aber die Wohltaten ihrer Teilautonomie werden durch einen gigantischen Regionaltransfer englischer Steuergelder finanziert. Schottland kennt keine Studiengebühren, dafür aber kostenlose Alterspflege und eine bessere Gesundheitsversorgung – alles mit dem Geld der 50 Millionen Engländer. Die Labour-Partei würde durch eine Ablösung Schottlands die Macht in einem rein englischen Britannien verlieren. Die Konservativen dagegen, die in Schottland nur einen Westminsterwahlkreis haben, würden einen schottischen Alleingang gelassener sehen. Sie halten es mit den englischen Fußballfans, die sagen: „Die Schotten hassen uns, das ist uns egal.“

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