Politik : „Wir werden wieder zu Prügelknaben“

Der Generalsekretär des Jüdischen Weltkongresses fordert von Europa mehr Entschiedenheit gegen Antisemitismus

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Herr Singer, warum hat Europa so spät gemerkt, dass sich in den letzten Jahren ein neuer Antisemitismus breit macht?

Die Europäer dachten, dass offener Antisemitismus hier nicht mehr auftreten könnte, nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges, der folgenden Entnazifizierung und angesichts des sich in der Nachkriegszeit entwickelten Schuldgefühls. Das war nicht nur eine Schuld, die Staaten umfasste, sondern auch Institutionen wie etwa die Kirchen, die Heimat des alten, klassischen Antisemitismus. Die Kirchen, wie auch die deutsche Regierung, haben größte Schritte unternommen, um sich gegen Antisemitismus zu schützen. Aber Zeit heilt – auch Schuldgefühle und Erinnerungen. Das ist der wichtigste Punkt: die Vergesslichkeit. Denn Täter, Opfer und Zeugen des Holocaust sterben. Aber Vorurteile bleiben.

Neben dem alten rückt nun ein neuer Antisemitismus muslimischer Prägung ins Blickfeld.

Europa ist ein sich verändernder Kontinent. Es gibt da ein neues Element: die Präsenz von Muslimen. Manche Europäer glauben, der beste Weg mit diesem Problem umzugehen sei, es zu ignorieren oder sich zu arrangieren. In den letzten drei Jahren haben die Europäer einen Mangel an Sensibilität gegenüber den Problemen des Nahen Ostens gezeigt. Weil man Scharon – manchmal auch gerechtfertigt – als unfairen Akteur im Nahen Osten empfindet, wird als Nebeneffekt dann akzeptiert, dass Juden hier erneut zum Prügelknaben werden. Wie kann das passieren, trotz des Bruchs mit der antisemitischen Vergangenheit? Weil alte Gewohnheiten schwer aussterben. So schwappt der Konflikt im Nahen Osten über in die kleinen jüdischen Gemeinschaften in Europa. Dafür muss ich auch die Presse verantwortlich machen. Denn die hat die Tendenz, den Underdog zu unterstützen. Europäische Zeitungen sind sensationslüsterner als amerikanische. Man sagt scherzhaft, Antisemitismus heißt, die Juden mehr zu hassen als nötig. Und die Art, wie Israel in europäischen Medien dargestellt wird, ist in diesem Sinne mehr als das, was nötig ist.

Wird der Vorwurf des Antisemitismus aber nicht auch instrumentalisiert, etwa um die Politik Ariel Scharons zu verteidigen?

Nehmen wir mal für einen Moment an, das stimmt. Dass die Scharon-Regierung den Antisemitismusvorwurf benutzt, um sich selbst zu verteidigen. Aber wenn etwa ein Israel Singer, der ein Gegner der Scharon-Regierung ist, glaubt, dass Antisemitismus in Europa ein ernstes Problem ist. Und wenn er die Scharon-Regierung jeden Tag kritisiert, aber genauso auch die Europäer, dann ist dieses Argument hinfällig. Innerhalb Israels gibt es mehr Kritik an Scharon als in ganz Europa. Aber dort verursacht es keinen Antisemitismus. Sie mögen Scharon nicht? Dann bringen sie ihn in Verlegenheit, aber tun sie nicht so, als unterstütze das ganze jüdische Volk Scharon. Es gibt Antisemitismus in Europa. Die Frage ist: a) Ist er schlimm genug, eine Konferenz zu veranstalten, b) ist er schlimm genug, Gesetze dagegen zu verabschieden, c) ist er schlimm genug, dass ein Kontinent, der sechs Millionen Juden getötet hat, ohne das jemand einen Finger gehoben hat, dass solch ein Kontinent besorgt sein sollte? Meine Antwort auf alle diese Fragen ist: ja.

Versuchen sie und ihre Organisation denn mit Muslimen ins Gespräch zu kommen?

Darum geht es. Wenn wir mit den Muslimen nicht einen Dialog führen, so wie wir es in der Nachkriegszeit mit den Christen getan haben, werden wir scheitern, nicht nur wir als Juden, sondern die ganze westliche, zivilisierte Welt. Allerdings ist der Dialog mit den Muslimen nicht so einfach, wie mit den Christen oder mit Säkularen. Die Muslime haben sich nicht modernisiert. Sie hatten keine Reformation, im Gegenteil, sie haben Rückfälle in Zurückgebliebenheit und Gewalt. Jede Religion, die „Islam oder das Schwert“ oder „Allahu Akbar“ predigt, hat ein Problem mit dem Dialog. Niemand hat die alleinige Wahrheit, das ist das erste Prinzip eines Dialogs.

Gibt es zurzeit einen solchen Dialog?

Ja. Aber keinen erfolgreichen aus einem offensichtlichen Grund: Die Muslime, die mit uns in einen Dialog treten, sind Randfiguren. Und wichtige muslimische Führer, die bereit sind mit uns zu reden, würden sich dadurch in Gefahr begeben. Aber der Konflikt mit den Muslimen ist nur einer von vielen Gründen für Juden, sich in Europa unwohl zu fühlen und das sollte die Europäer beunruhigen. Selbst dann, wenn das jüdische Unwohlsein nur ein Gefühl einer übersensiblen Minderheit sein sollte: Wenn der Oberrabbiner von Frankreich französischen Juden rät, ohne „Schandmütze“ auszugehen, wenn Juden beginnen, Wohnungen in anderen Ländern wie Israel oder den USA zu kaufen, wenn sie ihre Kinder aus öffentlichen Schulen nehmen, wenn sie sehen, wie manche ihrer Synagogen und Schulen angezündet werden, dann kommen wir einer roten Alarmlinie näher.

Frankreich verbannt das Kopftuch aus öffentlichen Schulen, um so etwas wie eine französische Identität zu definieren. Damit ist auch die jüdische Kippa verboten. Finden sie das gut?

Nein. Und ich bin auch dagegen, das Kopftuch zu verbieten. Denn ich glaube, dass man damit eine Minderheit ins Ghetto treibt und weiter fanatisiert, sie nicht verweltlicht, nicht zu einem Teil der Gesellschaft macht und sie somit isoliert. So schafft man zwei total ungleiche Gesellschaften, schafft Bürger zweiter Klasse, die marginalisiert werden und dann vielleicht auch zu Gewalt greifen.

Das Gespräch führte Clemens Wergin .

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