Politik : „Wir wollen keine Soldaten aus den Nachbarstaaten“

Massud Barzani, Vorsitzender der Demokratischen Partei Kurdistans, über die Chancen zur Befriedung des Nordirak

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Die USA wollen mehr Staaten dazu bewegen, Truppen in den Irak zu schicken. Was halten Sie davon?

Die beste Lösung für das irakische Volk wäre das Ende der Besatzung. Aber bis dahin wird das irakische Volk wahrscheinlich Beistand brauchen. Wir haben keine Einwände gegen die Entsendung europäischer oder anderer internationaler Truppen. Aber wir sind dagegen, dass die Nachbarstaaten des Irak Soldaten schicken.

Also auch keine türkischen Soldaten?

Unsere Position ist sehr klar: Wir sind gegen die Stationierung von Truppen der regionalen Mächte im Irak, einschließlich der türkischen Truppen.

Was befürchten Sie für die bisher stabilen Kurdengebiete, wenn die Türkei, die ein gespanntes Verhältnis zu allen Kurden hat, dem Wunsch Washingtons nachkommt?

Wenn die USA Sicherheit und Stabilität wollen, dann sollten sie keine regionale Macht ins Land holen. Aber wenn sie verlieren wollen, was wir Kurden jetzt haben … Truppen der Nachbarländer würden Probleme schaffen, und es gäbe in keinem Teil des Irak mehr Stabilität.

Es sieht so aus, als ob das künftige politische System auf einem religiösen und ethnischen Proporz basieren wird. Kann daraus eine gesamtirakische Identität erwachsen?

Manchmal ist die Wirklichkeit bitter. Aber die Wirklichkeit zu ignorieren, ist ein Fehler. Der Irak besteht aus verschiedenen Völkern, Sekten und Religionen, die bisher zum Teil keine Freiheit hatten. Ein System, das nicht auf diesem Proporz basiert, ist erst in einer späteren Phase denkbar.

Die Kurden sind unter Saddam Hussein unterdrückt und verfolgt worden. Daher misstrauen viele den sunnitischen Arabern. Wie gehen Sie damit um?

Wir wollen keine Ressentiments der Kurden gegen die Araber schüren. Die arabische Bevölkerung ist nicht für die Verbrechen an den Kurden verantwortlich, sondern das ExRegime. Wir wollen, dass die Zukunft des Irak auf einer freiwilligen Union basiert. Wenn den Kurden etwas aufgezwungen werden soll, mit dem sie nicht zufrieden sind, dann wird es weder einen auf Proporz basierenden irakischen Staat geben, noch kann sich eine gemeinsame Identität bilden.

Die Kurden wünschen ein föderales System. Wie sollen darin deren Rechte gewahrt werden? Beispiel: das Thema Sprache.

Entweder wir haben zwei Amtssprachen. Oder in den arabischen Gebieten wird Arabisch die erste offizielle Sprache und Kurdisch die zweite. Und umgekehrt in den kurdischen Gebieten.

Werden die etwa 90 000 kurdischen Kämpfer, die Peschmerga, in die neue irakische Armee integriert werden? Oder sollen sie weiterhin die Kurdengebiete sichern?

Die Peschmerga sind bereits der Kern der künftigen irakischen Armee. Wenn es einmal eine gemeinsame Armee gibt, können sie überall im Land stationiert werden.

Durch Vertreibung von Kurden und gezielte Ansiedlung arabischer Familien sind die Grenzen der kurdischen Gebiete nicht mehr eindeutig zu erkennen.

Die historische Grenze Kurdistans ist allgemein bekannt. Ob vor 20 000 Jahren oder heute: Es ist im Irak sehr wohl bekannt, wo die kurdische Grenze zum arabischen Teil des Landes verläuft.

Ist man sich darüber auch im vorläufigen irakischen Verwaltungsrat einig?

Wahrscheinlich gibt es dazu unterschiedliche Ansichten. Aber wir geben nicht nach.

Streitpunkte sind die Städte Kirkuk und Mossul, bei denen große Erdölvorkommen lagern. Gehören die Städte in ihren Augen zu einem künftigen Bundesland Kurdistan?

Alle Gebiete, in denen es vor der gezielten Ansiedlung arabischer Familien, die 1961 eingesetzt hat, eine kurdische Bevölkerungsmehrheit gab, sind kurdisch. Daher ist Kirkuk nicht nur Teil, sondern das Herz Kurdistans. Der Fall von Mossul liegt anders. Dort waren schon immer einige Teile kurdisch und andere arabisch.

Was soll aus den Arabern werden, die systematisch in Kurdengebieten angesiedelt wurden?

Bei seinem Besuch in Mossul vor wenigen Tagen hat der US-Zivilverwalter für den Irak, Paul Bremer, uns versichert, dass eine Kommission zur Lösung dieser Probleme bald ihre Arbeit aufnehmen wird. Daran sollten auch die Vereinten Nationen mitwirken. Diese Araber sollten wieder gehen, weil sie hierher gebracht wurden, um Kurdistan zu arabisieren. Es ist für die Kurden unmöglich zu sagen, dass sie bleiben können. Aber wir werden geduldig sein, bis eine rechtliche Lösung gefunden wird.

Das Gespräch führte Andrea Nüsse.

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