Politik : „Wir wollen nicht mehr nur Kosten erstatten“

DKV-Chef Dibbern über seine Wünsche an eine neue Regierung – und seine Pläne, in die Patientenversorgung einzusteigen

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Herr Dibbern, freuen Sie sich über die vorgezogenen Neuwahlen?

Natürlich haben Wahlen Folgen für die Reformkonzepte. Von daher ist schon eine perspektivische Erleichterung in mir. Das für private Krankenversicherer bedrohlichste Szenario, die Bürgerversicherung, ist unwahrscheinlicher geworden.

Sie sind erleichtert, weil es Ihrer Branche mit einer Pflichtversicherung für alle an die Existenz gegangen wäre…

Die Modelle von SPD und Grünen haben eines gemeinsam: die Abschaffung des Wettbewerbs im Gesundheitswesen. Wir brauchen aber nicht weniger, sondern mehr Wettbewerb. Ganz konkret gesagt: Wer die Bürgerversicherung fordert, der will die staatliche Einheitskasse.

Sind denn die Kopfpauschalen der Union so viel besser?

Die solidarische Bürgerprämie, wie sie nun heißt, hat zwei Komponenten, die besser sind. Das Modell erkennt die Systemgrenzen zwischen gesetzlicher und privater Versicherung an, unsere Funktion als Vollversicherer würde also ebenso erhalten bleiben wie die Rücklagen unserer Versicherten. Und es beinhaltet eine Entlastung bei den Lohnnebenkosten. Das ist für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft ein entscheidender Vorteil. Aber ein Problem löst auch das Modell der Union nicht: die fehlende Demografiesicherheit.

Aber die Union fordert doch auch stärkere Kapitaldeckung ?

Ja, aber in der gesetzlichen Krankenversicherung. Ich kann mir nicht vorstellen, wie das bei einer derart staatsnahen Organisation funktionieren soll. Das Problem ist doch der Schutz des Kapitals. Jeder gesetzgeberische Eingriff kann das Ersparte sofort wieder vernichten. Ein echter Schutzraum ist nur in privatwirtschaftlichem Umfeld zu organisieren.

Also ist die FDP Ihre Partei. Die will die gesetzliche Krankenversicherung abschaffen.

Ordnungspolitisch liegt das Modell auf der richtigen Linie, denn es zeigt Lösungen auf, wie mehr Demografiesicherheit in der Krankenversicherung erreicht werden kann. Aber das FDP-Modell kann nur schrittweise eingeführt werden. Ältere Menschen haben ja nicht mehr die Möglichkeit, Altersrückstellungen für sich aufzubauen. Da müsste dann der Staat einspringen, und das wäre angesichts der desolaten Haushaltslage nicht finanzierbar. Aber je länger wir warten, desto teurer wird es.

Was wünschen Sie sich denn ganz konkret von den künftigen Gesundheitspolitikern?

Mehr Mut zur Ehrlichkeit und mehr Pragmatismus. Will man eigenverantwortliche Vorsorge ins System bringen, bedarf es nicht unbedingt harter Reformschritte. Vieles erreicht man auch nahe am Status quo – etwa, indem man bestimmten Bevölkerungsteilen mehr Freiheit bei der Organisation ihrer Krankenversicherung lässt.

Sie ärgern sich, dass die rot-grüne Regierung die Versicherungspflichtgrenze nochmals heraufgesetzt hat – auf ein Monatsbruttoeinkommen von 3900 Euro.

Eine klare Botschaft wäre, mindestens diese Erhöhung zu korrigieren. Es würde 750000 Bürger und ihre Angehörigen in die Lage versetzen, sich frei zu entscheiden. Ein zweiter Schritt wäre dann, weitere Teile aus dem gesetzlichen Versicherungsumfang herauszunehmen – was dazu führen würde, dass dafür ein kapitalgedeckter Sparprozess in Gang käme und die solidarische Versicherung entlastet würde.

Sie wollen Wahlfreiheit für junge Leute beim Eintritt ins Berufsleben, müssen sich aber den Vorwurf gefallen lassen, dass es in Ihrer eigenen Branche damit nicht weit her ist. Ein 40-Jähriger kann es sich kaum mehr leisten, seinen Privatversicherer zu wechseln. Wird sich daran etwas ändern – ohne Drohung mit einer Bürgerversicherung?

Wir haben der Politik hier bereits einen Doppelvorschlag unterbreitet. Wir sind bereit, die Wechselmöglichkeit unter privaten Versicherungen zu verbessern und wollen es auch gesetzlich Versicherten mit höherem Krankheitsrisiko ermöglichen, zu uns zu wechseln. Dazu brauchen wir aber den Gesetzgeber. Wir sehen nicht, dass im Ministerium eine Neigung besteht, dass umzusetzen. Es wäre ja ein Schritt, mehr Bürgern die Möglichkeit zu privater Vollversicherung zu geben. Die SPD hat sich das Gegenteil auf die Fahnen geheftet. Da gibt es einen klaren Interessengegensatz.

Wird der private Schutz für Normalverdiener nicht bald unbezahlbar? Können sich dann nur noch Reiche komplett absichern?

Wir sind stolz, Schutz bis ans Lebensende zu bieten und ihn durch medizinischen Fortschritt jedes Jahr noch aufwerten zu können. Dass sich das in Beitragserhöhungen niederschlägt, ist klar. Daher versuchen wir auch, das Versichertenverhalten zu steuern. Da gibt es viele Möglichkeiten, vom Selbsterhalt- bis zum Hausarzttarif.

Sie haben in Köln ein Modellprojekt für ein eigenes Versorgungszentrum gestartet …

Wir wollen dass die Versorgungsqualität nicht leidet, aber auch nicht jeder Unsinn stattfindet. Deshalb sind wir auf dem Weg aus der Rolle eines nur Kostenerstatters, eines Geldtauschers, heraus in die eines Serviceanbieters und Versorgers. Da sind wir schon sehr offensiv unterwegs.

In Spanien haben Sie den Zuschlag für die medizinische Versorgung einer ganzen Region bekommen.

Der Gewinn der Ausschreibung hat uns nicht unzufrieden gemacht. Es ist spannend, die Verantwortung für 300000 Menschen übertragen zu bekommen, einschließlich eines Krankenhausbaus. In Deutschland ist so etwas kurzfristig sicher nicht vorstellbar. Aber wir lernen von solchen Aktivitäten, und sie passen in unsere Grundphilosophie: Nämlich auch im Gesundheitssystem endlich Wettbewerb zuzulassen. Wir brauchen nicht mehr, sondern weniger staatliche Bevormundung.

Das Gespräch führte Rainer Woratschka.

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