• Wirbelwind mit Phantasie - Bildungsministerin Annette Schavan reformiert munter in Baden-Württemberg

Politik : Wirbelwind mit Phantasie - Bildungsministerin Annette Schavan reformiert munter in Baden-Württemberg

Andreas Böhme

Die Ferndiagnose fällt Annette Schavan, Kultusministerin in Baden-Württemberg, nicht schwer: In Berlin habe sich "über Jahre der Eindruck verstärkt, dass das zuständige Ressort die Schulen nicht ernst genug nimmt". Im Gegensatz zum Südwesten, will die CDU-Politikerin damit damit sagen, wo es nicht an Ideen mangelt und kaum am Geld fehlt.

Mehrarbeit für Lehrer ist in Baden-Württemberg kein Thema. Nicht mehr. Denn die Lehrerarbeitszeiten wurden fortwährend erhöht, zuletzt 1998 mit dem "Vorgriffstundenmodell". Schavan verpflichtet darin die Pädagogen, fünf Jahre lang ohne Lohnzuwachs eine Stunde mehr zu leisten und die Überzeit später wieder abzubummeln, wenn der gegenwärtige Schülerberg abgebaut und die Engpässe überwunden sind. Lehrerverbände und Gewerkschaften zogen mit, 28 Stunden müssen Grundschullehrer, 24 die Kollegen vom Gymnasium derzeit unterrichten.

Soviel Kostenmanagement schafft Freiraum, erspart aber keine saftigen Zuschläge im Landesetat. Auch da geht Schavan unkonventionelle Wege: Gerade hatte der Landtag den Doppelhaushalt diskutiert, da forderte sie handstreichartig 150 Millionen Nachschlag. Geld, um jenem Unterrichtsausfall zu begegnen, den die Kultusministerin kurz zuvor noch negiert hatte. Sie bekam das Geld - zusätzlich zum Zehn-Milliarden-Etat, dem größten Posten im Landeshaushalt -, nahm dafür Ärger mit dem düpierten Koalitionspartner FDP in Kauf, verschaffte sich aber vorerst Ruhe bei Eltern, Gewerkschaften und Lehrern. Schlechte Unterrichtsversorgung, weiß Schavan aus der Hessenwahl, kann wahlentscheidend sein, und Baden-Württemberg wählt im kommenden März seinen neuen Landtag.

Alles in allem gelten die Südwest-Schulen als effizient, in der Kosten-Nutzen-Relation führte Baden-Württemberg, bis es jüngst vom Billiglohnland Sachsen abgehängt wurde. Dort aber werden Lehrer nach dem Angestelltentarif und auch nur zu 86 Prozent des Westniveaus entlohnt.

"Wir alle stehen in einem engen finanziellen Korsett, niemand kann alles Wünschenswerte verwirklichen - aber die Schulen erwarten Prioritäten", sagte Annette Schavan am Mittwoch. Genau damit, erwidern Kritiker, tue sie sich bisweilen schwer. Wirbelwindartig reiße sie viele Baustellen auf, vollende ihr Reformwerk aber nicht.

Auf der Habenseite verbucht Schavan die dieser Tage beschlossene Oberstufenreform: Weg vom Kurssystem, zurück zum Klassenverband. Die Kultusministerkonferenz gab ihr dazu freie Hand, die Opposition hingegen fürchtet eine Kehrtwende in die 60-er Jahre. Wichtiger als die neue Struktur sind neue Inhalte: entrümpelte Lehrpläne sollen mehr Grund- und weniger Spezialwissen vermitteln - sind aber noch in Arbeit. Eben so die "verlässliche Grundschule". Da haben die Kommunen Schavans langgestreckte Zeitpläne überholt, vom Herbst an wollen sie vor und nach dem Unterricht eine vom Land geförderte fünfeinhalbstündige Schulzeit garantieren. Noch nicht abgeschlossen ist die Einführung von Fremdsprachenunterricht für ABC-Schützen: Erst ab 2004 wird flächendeckend Englisch oder Französisch in den vier Grundschuljahren angeboten werden können.

In ewiger Konkurrenz zum Nachbarland Bayern fühlen sich Schwaben und Badener auch in der Informationstechnologie gut gerüstet. Mittlerweile hängen alle Schulen am Internet, die Kommunen pumpen 100 Millionen Mark in die technische Ausstattung, das Land bildet Multimedia-Lehrer aus. Für all das liebt die eigene CDU-Regierungsfraktion ihre Kultusministerin zwar nicht uneingeschränkt. Aber die rheinländische Quereinsteigerin - Regierungschef Erwin Teufel holte sie vor fünf Jahren aus der katholischen Hochbegabtenförderung - genießt breite Achtung. Und für die nächste Legislaturperiode gibt es auch schon ein Programm: Dann will Schavan endlich auch die erstarrte Schulverwaltung umkrempeln.Lesen Sie auch über den Berliner Lehrerstreik

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