Politik : Wirtschaften in der Krise

Immer mehr internationale Firmen sind in Konfliktgebieten tätig. Ein UN-Leitfaden soll ihnen helfen

Dagmar Dehmer

Gehen oder bleiben? Das ist die Frage, die sich internationale Konzerne seit einigen Monaten in Elfenbeinküste stellen. Das Land galt bis vor kurzem als stabil, die Geschäfte liefen nicht schlecht. Doch seitdem sich eine Rebellion ehemaliger Soldaten gegen die Regierung in einen Bürgerkrieg verwandelt hat, ist die Wirtschaft nahezu zum Erliegen gekommen. Was also tun? Die Vereinten Nationen haben auf diese Frage zwar keine einheitliche Antwort. Doch der so genannte Global Compact (Globaler Vertrag), den UN-Generalsekretär Kofi Annan 1999 in einer Rede vor dem Weltwirtschaftsforum in Davos angeregt hatte, verfügt inzwischen zumindest über einen Konflikt-Leitfaden, der Firmen bei dieser Entscheidung helfen kann. Georg Kell, Leiter des Global-Compact-Büros in New York, ist vom Nutzen des Papiers, das auf einem Vorschlag des Versicherungskonzerns Gerling beruht, überzeugt. Er helfe den Firmen, nicht selbst zum Problem zu werden, und könne womöglich dazu beitragen, zumindest einen Teil der Investitionen zu retten, wenn – wie in Elfenbeinküste – schon alles zu spät zu sein scheint.

Den Anlass, sich darüber Gedanken zu machen, wie sich Firmen in Konfliktgebieten verhalten sollten, bot das Jahr 1995 – für Royal Dutch/Shell so etwas wie ein Schlüsseljahr. Erst der Konflikt um die Bohrinsel Brent Spar, die Shell im Nordmeer versenken wollte. Dann ließ der nigerianische Diktator Sani Abacha den Schriftsteller und Kämpfer für die Rechte des Ogoni-Volkes, Ken Saro-Wiwa, hinrichten. Und die ganze Welt gab Shell die Schuld daran.

Shell gehörte dann auch zu einer Gruppe von neun Öl- und Bergbaukonzernen, die auf Anregung der damaligen US-Außenministerin Madeleine Albright und ihres britischen Amtskollegen Robin Cook im Jahr 2000 mit neun Nichtregierungsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch über eine freiwillige Selbstverpflichtung zur Wahrung der Menschenrechte in ihren Gastländern verhandelte. Kurz vor dem Amtsantritt der Regierung Bush machten Albright und Cook die Prinzipien öffentlich. Inzwischen gehört die Initiative zu den Lernbeispielen der UN, wie sich Unternehmen in Konfliktregionen verhalten können. Sie verpflichten sich beispielsweise, keine Sicherheitsleute einzustellen, die zuvor in den Diensten einer Regierung, einer Kriegspartei oder paramilitärischer Verbände als Menschenrechtsverletzer aufgefallen sind. Shell hat aber auch in Nigeria dazugelernt. Das Unternehmen spielt in der Niger-Delta-Entwicklungskommission inzwischen eine Schlüsselrolle und hat so dazu beigetragen, die bewaffneten Konflikte zumindest vorläufig zu beenden.

Ein wichtiges Vorbild dafür, wie Unternehmen Teil einer Lösung werden können, ist der norwegische Erdöl-Fonds. Er dient dazu, den Reichtum aus der Ölförderung auch noch künftigen Generationen zu erhalten, indem beispielsweise andere Wirtschaftszweige gestärkt werden. Diesem Vorbild ist vor kurzem Aserbaidschan gefolgt. Noch immer schwelt der Konflikt mit Armenien um die Region Berg-Karabach, im Land leben zehntausende Flüchtlinge in provisorischen Lagern, und der 78 Jahre alte Präsident Hejdar Alijew regiert weniger demokratisch denn diktatorisch. In Aserbaidschan hat der Ölkonzern International Alert die Initiative für den Erdöl-Fonds ergriffen, um für politische und wirtschaftliche Risiken vorzusorgen. Georg Kell sagt: „Unternehmen müssen im Zeitalter der Globalisierung mehr Verantwortung übernehmen, und sie können es auch.“ Inzwischen beteiligen sich rund 800 Firmen aus knapp 50 Ländern am Global Compact.

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