Wirtschaftsminister unterwegs : Zu Guttenberg: Der Rüberflieger

Auf schwierige Fragen sagt er „uff“. Aber eine Antwort fällt ihm immer ein. Auch auf Englisch. Karl-Theodor zu Guttenberg war zum ersten Mal als Minister in den USA. Er hatte dort nichts zu entscheiden. Aber trotzdem viel zu gewinnen

Moritz Döbler[Washington],New York[Washington]
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Karl-Theodor zu Guttenberg.Foto: Steffen Kugler / ddp

Er ist ohne Zweifel klug, er hat Charme und Stil. Aber vor allem hat er Konjunktur. Und er tut alles, damit das so bleibt. Deswegen geht Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg nach bald 20 Stunden auf den Beinen nicht ins Bett, sondern bestellt sich im altehrwürdigen „Hay Adams“-Hotel in Washington eine Cola light, um noch einmal ausführlich kundzutun, was er von General Motors erwartet. Die Öffentlichkeit soll wissen, wie er es den Automanagern gezeigt hat. Zum Einlenken hat er sie gebracht, das ist die Botschaft.

Mitten in der globalen Krise hat ein 37-jähriger Aufsteiger das Bundeswirtschaftsministerium übernommen, und das halbe Jahr bis zum Ende seiner Amtszeit gedenkt er nach Kräften zu nutzen. Die Reise in die USA ist ein probates Mittel. Schon auf dem Hinflug hat er die 38 mitreisenden Journalisten in zwei Schichten informiert. Bis sein Hemd nassgeschwitzt war, stand er vor ihnen. Von Island bis weit hinter Grönland dauerten die druckreifen Erläuterungen. Danach jagt auf den rund 48 Stunden in New York und Washington ein Pressegespräch das nächste.

Wann je ist in Deutschland der Stern eines Politikers so rasant aufgestiegen? Selbst Ursula von der Leyen, die stets präsente Familienministerin, kann da nicht mithalten. Guttenberg ist noch keine zwei Monate im Amt und schon einer der beliebtesten Volksvertreter. Dabei kannten bis vor kurzem nur Insider seinen Namen. Schon sein Aufstieg zum CSU-Generalsekretär galt als Überraschung, war er doch gerade erst Bezirksvorsitzender in Oberfranken geworden. Doch nach nur drei Monaten schickte ihn Parteichef Horst Seehofer nach Berlin, weil Michael Glos, mit mehr als 32 Jahren im Bundestag einer der erfahrensten Politiker, den Ministerjob hingeworfen hatte.

Sein Nachfolger im Amt hatte 1976 gerade seinen fünften Geburtstag gefeiert, als sich Glos das erste Mal im Plenarsaal, damals noch in Bonn, einfand. Und doch geht der vergleichsweise unerfahrene Guttenberg in dem Amt auf, wie es Glos nie gelang. Der Veteran erzählte noch Monate nach seiner Vereidigung, wie schwer er sich an die neue Anrede gewöhne: Er drehe sich immer um, wenn jemand „Herr Minister“ zu ihm sage – um zu schauen, wer gemeint sei. Wenn jemand „Herr Minister“ zu Guttenberg sagt, hat er sofort dessen ganze alerte Aufmerksamkeit.

Das kommt auch im Ministerium – sechs Staatssekretäre, 1700 Mitarbeiter – gut an. Das Mürrische, allzu Empfindliche des Vorgängers ist einer geschliffenen Freundlichkeit gewichen, für die selbst altgediente Beamte des Hauses nur lobende Worte finden. Dabei gewöhnt sich der neue Chef nur schwer an den großen Apparat, weil er doch bisher eigentlich nur seinen Blackberry zum Politikmachen brauchte. Stets smart, aber dezent gekleidet ist er – bei zwanglosen Auftritten trägt er zum dunklen Anzug ein offenes Hemd und schwarze Wildlederschuhe. Seine Manschetten zieren schlichte Seidenknoten statt goldener Knöpfe, die flache goldene Uhr hat ein Lederarmband. Keine sichtbaren Extravaganzen, trotz des Geldes und der mehr als 850-jährigen Familiengeschichte. Keinen Rotwein lässt er sich bringen, sondern eben: Cola light.

Obendrein verkörpert Guttenberg eine Weltläufigkeit, wie sie in der Politik selten ist. Zugutekommt ihm sein herausragendes Englisch. Ohne Dolmetscher bewegt er sich einen Monat nach Amtsantritt auf den heikelsten Terminen in New York und Washington, Terminen mit: dem legendären Investor George Soros, den Chefs der drei Banken Goldman Sachs, JP Morgan und Morgan Chase, mit der GM-Spitze oder zum Interview in der Fernsehtalkshow „News Hour“. Alles ohne Dolmetscher, obwohl seine Berater ihn vor Risiken warnten.

Er fühlt sich daheim in Amerika, hat für die Vermögensverwaltung seiner Familie Zeit in New York verbracht und auch einmal für eine US-Anwaltskanzlei gearbeitet. „Es ist schön, wieder in New York zu sein“, sagt er im altehrwürdigen University Club, in dem zu seinen Ehren ein Essen gegeben wird. „Hier sitzen gute Freunde.“ Als er noch aufstrebender Außenpolitiker in der Union war, knüpfte er unermüdlich Kontakte nach Übersee. Er habe „exzellente Gesprächskanäle zum neuen US-Präsidenten“, rühmte er sich fast ein halbes Jahr vor dessen Wahl, weil er alle Kandidaten – sowohl John McCain als auch Barack Obama und Hillary Clinton – schon mehrfach getroffen hatte.

Auch daheim achtet er darauf, bei den richtigen Leuten richtig anzukommen. Auf seiner Wahlkampfbroschüre von 2005 ist ein Foto, auf dem Bundeskanzlerin Angela Merkel und er einträchtig in die Kamera strahlen – nicht selbstverständlich in Bayern. Und er sagt kein Wort gegen Horst Seehofer, der ihm zu dem Turboaufstieg verholfen hat. Eben noch hat Guttenberg es als „ordnungspolitischen Unsinn“ gegeißelt, die Mehrwertsteuer für einzelne Produktgruppen zu senken, schon springt er auf Nachfrage dem Parteichef bei. „Ich habe den Eindruck, dass auch Horst Seehofer eher den Gesamtansatz sieht“, sagt er dann im 22. Stock des Deutschen Hauses in New York, blickt auf die Skyline der Stadt und muss über sein rhetorisches Manöver selber lachen. Es ist eine entwaffnende Natürlichkeit. „Uff“, antwortet er auf eine schwierige Frage, um Zeit zu gewinnen – und dann hoch konzentriert zu antworten. Manches Sprachbild entgleitet ihm, manche Floskel trägt er mit zu viel Inbrunst vor. „Übereinstimmend war man der Meinung, dass man die Krise als Chance zu begreifen habe“, sagt er zum Beispiel über sein Gespräch mit den drei Top-Bankern. Die Krise als Chance – das klingt daneben angesichts des Unheils, das die Branche über die Welt brachte.

Als es Montagabend zum Times Square geht und Fotografen ihn fragen, ob sie nicht hier, in der glitzerbunten Mitte von Manhattan, ein Foto von ihm machen könnten, geht er sofort mit, ohne Mantel, schnellen Schrittes. Die Blitzlichter flackern so heftig, dass ihm ein Kebabverkäufer einen Döner schenken will, weil er wohl berühmt sein müsse.

Kein Ansinnen wird abgeschlagen, keine Möglichkeit ausgelassen. Dabei macht er alles andere als einen eitlen Eindruck. Er erwählt die Reporter zielstrebig zu seinen Verbündeten; bis zur Bundestagswahl ist nur noch ein halbes Jahr. An ihm soll niemand vorbeikommen, falls die Union im Herbst gewinnt. Er ist ein begnadeter Verkäufer seiner selbst, er macht sich zu „everybody’s darling“, und das ist ein hohes Risiko. Der Trend kann, muss sich wenden. Er kann eigentlich nur noch fallen, denn viel weiter rauf geht es nicht.

Die gesammelte Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit ist auch insofern erstaunlich, als er immer und immer wieder das Gleiche sagt. Was Opel betrifft, müsse erst ein Konzept von General Motors vorliegen, bevor man auch nur über staatliche Hilfe reden könne. Und was die amerikanische Forderung nach weiteren Konjunkturpaketen auch in Deutschland angeht, wolle er abwarten, wie die bereits verabschiedeten 80 Milliarden Euro wirkten. Vernünftig klingt das, aber eben auch bremsend. Während im beginnenden Wahlkampf eine Milliardenforderung die nächste jagt, spricht er allen Ernstes von Ordnungspolitik. „Wir können nicht schweigen und warten“, sagt er.

Anders als sein Vorgänger entscheide er gern, heißt es im Kabinett über ihn, und das kann man auch als vergiftetes Kompliment lesen. Denn zu entscheiden gibt es nichts. In dieser Legislaturperiode liegen nur noch ein paar Kabinettssitzungen, die Sommerpause und der Wahlkampf vor ihm. Einen Gesetzesentwurf wird er nicht einbringen. Er hat also in diesem engen Sinne nichts zu sagen, aber er redet ohne Unterlass. Er regiert nicht, aber er agiert – und das geschickter als manche der ausgebufftesten Politstrategen.

Jürgen Rüttgers zum Beispiel. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident flog im Februar in die USA, um Opel zu retten. Doch er tauchte als Bittsteller am Sitz von General Motors in Detroit auf und wurde ohne greifbares Ergebnis abgefertigt. Guttenberg dagegen lässt sogar ein Treffen europäischer Politiker mit den Konzernbossen von einem Staatssekretär übernehmen. Termingründe werden genannt, aber klar ist, dass er in Brüssel, quasi auf neutralem Gebiet, einer von vielen Gesprächspartnern gewesen wäre.

Stattdessen beordert er Vorstandschef Rick Wagoner und dessen Vize Fritz Henderson in die Residenz des deutschen Botschafters in Washington und sorgt dafür, dass ein Dutzend Fernsehkameras vor der Tür stehen, als sich die beiden Autobosse in einem ziemlich engen Hybrid-Chevy vorfahren lassen. Er ist der Gastgeber, und doch hält sein schwerer BMW erst vor dem Eingang, als die beiden Manager linkisch und kleinlaut, wie bestellt und nicht abgeholt, vor den Mikrofonen stehen, in die sie doch auf keinen Fall etwas sagen wollen.

Er hält sich nicht lange mit Begrüßungen auf, treibt sie mit den Worten „Los, lasst uns anfangen“ in das Gebäude und berichtet danach stolz von direkten Gesprächen und klaren Worten. Die Ansagen kamen von ihm, so jedenfalls stellt er es dar. Nach der Sechs-Augen-Runde können die beiden Autobosse ihm kaum abschlagen, zum großen Dinner mit Diplomaten und örtlichen Honoratioren zu bleiben. Bis der letzte Teller Quarkmousse verzehrt ist, harren sie als Zaungäste aus.

Ob Guttenberg mehr als Rüttgers erreicht hat, wird sich zeigen müssen. Denn den GM-Bossen geht es ähnlich wie ihm selbst: Zu entscheiden haben sie nicht viel. Die amerikanische Regierung ist am Zug. Bei ihr liegen Anteile und eine Reihe von Patenten von Opel als Pfand, und sie allein entscheidet, ob General Motors und auch die vor 80 Jahren übernommene deutsche Tochter zu retten sind. Guttenberg hat nach seiner USA-Reise viele mündliche Absichtserklärungen im Gepäck, aber ob daraus jemals gültige Verträge werden, ist nicht einmal annähernd klar.

„Mancher Blick nach innen wie über den Atlantik trägt dieser Tage den Schimmer der Ernüchterung in sich“, schreibt er im Vorwort seiner gerade erschienenen Dissertation über Verfassungsfragen in den USA und Europa. Guttenberg weiß genau um das Risiko, das er in diesen Tagen und Wochen eingeht. Er fühle sich wie jemand, sagt er, der an der Bordsteinkante stehe, mit den Beinen vor und zurück wippe und sich dabei vorstelle, dass nicht der Rinnstein unter den Fußspitzen liege, sondern ein Abgrund.

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