Wirtschaftspolitik : Chile ist erstes südamerikanisches OECD-Mitglied

Ergebnis einer erfolgreichen Wirtschaftspolitik – doch die große Ungleichheit bleibt ein Problem.

Sandra Weiss[Santiago de Chile]

Gepflegte Parks, in denen Büroangestellte in der Mittagspause ausspannen, neue Schnellstraßen entlang luxuriöser Wohntürme, Radwege in schattigen Alleen – Santiago de Chile hat sich innerhalb der vergangenen 15 Jahre zur modernsten Hauptstadt Südamerikas gemausert. Der chilenische Peso ist erstarkt, und die Chilenen nutzen seine Kaufkraft für Reisen ins Ausland. Zeichen eines Wirtschaftsbooms, der Chile jetzt eine Einladung in die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) gebracht hat. Damit ist Chile das erste Land des Südkontinents, das dem exklusiven Club der 30 reichsten, demokratischen Wirtschaftmächte beitreten wird.

Durchaus verdient, findet Cornelia Sonnenberg, die Geschäftsführerin der deutsch-chilenischen Handelskammer. „Chile erntet die Früchte einer konsequenten Strategie, aus dem Land eine international wettbewerbsfähige Agrarindustriemacht zu machen.“ Sonnenbergs Büro befindet sich im 6. Stock eines modernen Hochhauses im chicen Osten der Hauptstadt. Wer etwas auf sich hält, wohnt und arbeitet hier – in unmittelbarer Nähe der größten Shopping-Mall und der teuersten Feinschmeckerrestaurants, vor denen zur Mittagszeit die neuesten Sport- und Geländewagen auffahren. 2,5 Autos besitzt jeder Haushalt hier durchschnittlich.

Da glaubt man sofort den Wirtschaftsexperten, die prophezeien, dass die 17 Millionen Einwohner zählende Nation im nächsten Jahrzehnt endgültig den Status eines Entwicklungslandes hinter sich lassen wird. Das schmale Land am Pazifik hat innerhalb von 20 Jahren die Armut von 40 auf 13 Prozent gedrückt – ein Rekord in Lateinamerika. Nach Angaben der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika (Cepal) ist Chile auch Spitzenreiter beim Investitionsklima; das Land ist laut Transparency International außerdem das am wenigsten korrupte in Lateinamerika. Chile hat seinen Außenhandel konsequent diversifiziert und weniger krisenanfällig gemacht: Ein Drittel der Waren wird mit den USA, ein Drittel mit Europa und ein Drittel mit dem Rest Lateinamerikas ausgetauscht.

Gefragt nach dem chilenischen Erfolgsgeheimnis nennt Finanzminister Andres Velasco den wirtschaftspolitischen Konsens, der dem Land Stabilität gebracht hat. Das liberale Modell, das Diktator Augusto Pinochet einführte, wurde von den demokratischen Mitte-Links-Regierungen seit 1990 übernommen und um eine sozialpolitische Komponente ergänzt. Die Schattenseite des chilenischen Wirtschaftswunders: die große Ungleichheit. Die reichsten zehn Prozent der Chilenen verfügen über 29 Mal mehr Einkommen als die ärmsten zehn Prozent. „Das Bildungs- und Gesundheitssystem zementieren die Ungleichheit, Verbraucherschutz und Arbeiterrechte sind auf niedrigen Stand, der Staat ist ein Liliputaner, der gerade einmal sieben Prozent des Wirtschaftsaufkommens umverteilt“, kritisiert Jose Jara, Direktor der Fakultät für Sozialwissenschaftliche Studien.

Jara sieht in der OECD-Aufnahme mehr Ansporn als Auszeichnung. „In Sachen Innovation, Humankapital und Technologie sind wir noch Lichtjahre entfernt von den Industrieländern der OECD, und auch unser politisches System ist dringend reformbedürftig.“

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