Wissenschaftskolleg Berlin : Verwegene Melange

19.04.2011 10:49 UhrVon Jost Müller-Neuhof

Jost Müller-Neuhof schaut mit Juristen und Soziologen in Abgründe: Das Wissenschaftskolleg Berlin befasst sich mit dem Politikphänomen Guttenberg.

Die wissenschaftliche Rezeption seines Werks beschränkt sich auf ein Plagiatsurteil, für den Politiker und die öffentliche Person Karl-Theodor zu Guttenberg könnte anderes gelten. Ist er ein Original, ein Unverfälschter, dessen Karriere bis zum Kanzlerkandidaten in spe an seinen herausragenden Talenten lag? Oder ist er ein Blender, Tunichtgut, entlarvter Hochstapler? Wissenschaftler werden nicht Wissenschaftler, um schnell zu reagieren. Auch dies war bei Guttenberg anders, mit der strengen Kritik, die seinem Rücktritt vorausging, und jetzt, mit einem ersten Kolloquium am Wissenschaftskolleg Berlin, das Forscher und Journalisten am Montag in Grunewald zusammenführte.

Das Thema traf auf kein unbefangenes Gremium, verantwortlich war Oliver Lepsius, derzeit Fellow und Staatsrechtsprofessor an der Uni Bayreuth in Nachfolge von Peter Häberle, des Doktorvaters des Ex-Ministers.

Er, der selbst mit seinem Bekenntnis, man sei einem Betrüger aufgesessen, den Abgang des Politikers beschleunigt hatte, analysierte, hier sei Wissenschaft zum politischen Akteur geworden. Lepsius sah zugleich eine „Sternstunde der Publizistik“ und machte im Internet einen „Hort politischer Werteverteidiger“ aus. Aber mit dem Sieg des Guten über den bösen Guttenberg ist es so eine Sache. Man weiß, der politische Marktplatz liegt außerhalb der Studierstube, und dort feierte Guttenberg Erfolge. Möglich, dass es nur Kontinuitäten sind, referierte Kolleg-Rektor Luca Giuliani, ein Archäologe, und erinnerte an das römische Heer, an dessen Spitze standesbewusste Jungmänner mit erlesener Rhetorik standen, während die Kommandoarbeit Profi-Zenturionen erledigten. Sein Fazit: Militärische Kompetenz war nicht notwendig, es ging den hohen Offizieren auf dem Sprung ins Senatorenamt darum, Tugend und Anstand herauszustellen.

Hat Guttenberg also auch im alten Rom kopiert, war er, der Begriff fiel öfter, ein „cäsaristischer“ Politiker? Der Literaturwissenschaftler Reinhart Meyer-Kalkus hob auf die Selbstbeherrschung des die Podientreppen stets herauftänzelnden Mannes ab; sein Kundus-Auftritt im Bundestag sei eine „körpersprachliche Demonstration rhetorischer Kaltblütigkeit“ gewesen, „die ihresgleichen sucht“. Ein Florettfechter und „TV-Champion“, der die in höfischer Zeit aufgewerteten Selbstdarstellerqualitäten des politischen Führungspersonals zur Vollendung brachte. Tagesspiegel-Kulturautor Peter von Becker konnte das nicht beglaubigen, er erkannte einen „immer angespannten“ Akteur, der selbst Momente tiefster Erniedrigung zur durchsichtigen Selbstüberhöhung genutzt habe.

Professionalität und Dilettantismus, zwischen diesen Polen verortete auch der Bildungssoziologe Tilman Allert den Gestürzten. Die „inszenierte Anstrengungslosigkeit“ sei dessen vordemokratische Botschaft gewesen. Ein Souverän kraft eigener Privilegien, der alles mit der Hand in der Hosentasche erledigen könne und damit die Elitensehnsucht der Unterschicht bediente. Politik als Spielfeld – typisch für Adlige, meinte Allert, der mit der Zurschaustellung von Nichtarbeit aber zugleich Institutionen und Prinzipien der Bürgergesellschaft ausgehöhlt sah: „Wir haben in einen Abgrund geschaut.“

Guttenberg wurde mit vielen verglichen, mit Haider, Berlusconi, Reagan, Obama, Kennedy. Aber mit Hitler? Das ging den meisten zu weit. Doch wie soll man einen fassen, der im Kampfhubschrauber sitzt, Heine liest und AC/DC hört, der statt unter seinem Vornamendutzend lieber als „KT“ firmiert? Ein Politiker, der Nicht-Politiker sein wollte, ein Doktor, der sich undoktorlich gab – er vereinnahmte alles und distanzierte sich zugleich. Ein „biografisches Exposé, in dem die Tragik angelegt war“, so der Soziologe; eine „verwegene Melange“, schrieb Guttenberg in seinem Dissertationsvorwort.

Videos - Politik

Umfrage

Immer wieder wird der Verbleib Griechenlands in der Eurozone kontrovers diskutiert. Was denken Sie?

Service

Grüne Geschäfte - Der Blog

Wir können's besser: Für eine Wirtschaft, die Ressourcen und Klima schont
Der Blog von Tagesspiegel-Autorin Dagmar Dehmer und der Zeit-Online-Autorin Marlies Uken.

Rechtsextremismus in Deutschland

Weitere Themen

Das Kernkraftwerk Philippsburg im Landkreis Karlsruhe. Foto: dapd

Die aktuellen Tagesspiegel-Artikel aus unserem Atomkraft-Themenressort.

Atomkraft

Umfrage

Peter Altmaier von der CDU wird der neue Umweltminister - ist er der richtige Mann für den Posten?

Todesopfer rechter Gewalt

Tagesspiegel-Abo

Foto:

Werden Sie Tagesspiegel-Abonnent und sichern Sie sich tolle Prämien. Spezielle Angebote finden Sie in unserem Aboportal.

Leser werben Leser - Vermitteln Sie einen neuen Tagesspiegel-Leser und wählen Sie Ihre Wunschprämie.

Studentenabo - Profitieren Sie von unseren günstigen Studentenangeboten.

Probeabo - 14 Tage kostenlos den Tagesspiegel lesen.

Tagesspiegel App für iPhone und iPad.

Aboservice - Ob Urlaub, Umzug oder Schwierigkeiten bei der Zustellung - wir helfen Ihnen weiter.

Tagesspiegel Abo
Deutsche ISAF-Soldaten: Der Krieg in Afghanistan geht ins elfte Jahr. Foto: dapd

Der Einsatz am Hindukusch neigt sich dem Ende zu. Eine Übersicht über alle Artikel zum Afghanistan-Krieg finden Sie hier.

Alles über Afghanistan
Wie geht es weiter mit dem Euro und der EU? Foto: Reuters

Zehn Jahre Euro. Alle Artikel zur Finanzeskalation im Krisenjahr 2011, wirtschafts- und finanzpolitische Themen in unserem Themenressort.

Euro-Krise

Krankenkassen-Vergleich

Foto:

• Beitragsrechner
• Versicherungsvergleich
• Tipps zum Wechsel

Der schnelle Weg zur günstigen Krankenkasse.

Hier vergleichen
Foto:

Das politische Geschehen in der Hauptstadt. Hautnah. Alles über die Berliner Landespolitik und ihre Akteure lesen Sie hier.

Berliner Landespolitik
Braunkohle-Tagebau des Vattenfall-Konzerns bei Jänschwalde .Aus Jänschwalde und Cottbus-Nord werden täglich zirka 60.000 Tonnen Braunkohle gefördert. Mit dieser Energie kann der Tagesbedarf einer Großstadt gedeckt werden. Foto: dpa

Solarenergie, Berichte von den Klimakonferenzen, Atomkraft und vieles mehr aus den Themenbereichen "Energie und Umwelt".

Energie

Biowetter, Deutschlandwetter und internationales Wetter, Niederschlagsmengen, Reisewetter und aktuelle Satellitenbilder. Behalten Sie das Wetter im Griff!

Tagesspiegel Wetterseite