Wladimir Putin und MH 17 : Dem Mann fehlt Menschlichkeit

Ein Flugzeug stürzt ab, 298 Menschen sterben. Doch im Kreml rührte sich niemand für einen humanitären Einsatz. Warum um Himmels willen nicht? Ein Kommentar

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Barbara John, Tagesspiegel-Kolumnistin und frühere Ausländer-Beauftragte des Berliner Senats.
Barbara John, Tagesspiegel-Kolumnistin und frühere Ausländer-Beauftragte des Berliner Senats.Foto: dpa

Wer das malaysische Flugzeug mit 298 Personen aus zehntausend Meter Höhe zum Absturz gebracht hat und wer indirekt beteiligt war, das wird die Welt bald erfahren. Doch unabhängig von der Schuldfrage gibt es ein Geschehen, das sich einbrennt: Es geht um Präsident Putins Verhalten, genauer sein Nicht-Verhalten gegenüber den abgestürzten Passagieren und ihren Angehörigen. Hätte nicht die schonende Bergung der zerschlagenen Körper und die Bewahrung der Habseligkeiten der Opfer die erste Reaktion derjenigen sein müssen, die schnellen Zugang zum Trümmerfeld hatten und über die notwendige Logistik verfügten?

Dafür kam in diesem von prorussischen Separatisten beherrschten Gebiet nur ein Land in Frage: Russland. Doch im Kreml rührte sich niemand für diesen zutiefst humanitären Einsatz. Warum um Himmels willen nicht? Gibt es in Russland keine humanitäre Organisation, keine geeigneten Transportmittel, kein Personal, das schon kurz nach dem Absturz mit der Bergung der Toten hätte beginnen können, in Absprache mit Kiew, den Aufständischen und mit Beteiligung der Herkunftsländer der Opfer?

Ja, es gab diese Möglichkeit. Das russische Katastrophenministerium hat – funktional gesehen – die Kompetenzen, die bei uns das Innenministerium, das Technische Hilfswerk und das Rote Kreuz zusammen haben. Warum blieb dennoch der technisch machbare Einsatz aus? Weil Putin um jeden Preis die Lüge aufrechterhalten wollte, er hätte mit dem Konflikt in der Ostukraine gar nichts zu tun. Also verriet er die Menschlichkeit und die elementarste Form des Anstands. Hätte er den Mut gehabt, die Unglücklichen zu bergen, hätte er eine Korrektur in seiner Ukrainepolitik einleiten und Verantwortung für seine offensichtliche Mitschuld am Krieg in der Ostukraine übernehmen können. Nun aber wächst die Erkenntnis, wie unausweichlich er schon Opfer seiner eigenen Propaganda ist, unfähig das einzig Richtige zu tun bei dieser Katastrophe: Menschlichkeit zu üben.

Was hatte er doch in seiner Rede an die Nation im Dezember 2013 erklärt, „Russland hat eine historische Verantwortung, die jahrtausendealten Grundlagen menschlichen Zusammenlebens in der Welt zu verteidigen“. Was er darunter versteht, wissen wir jetzt genauer. Beunruhigend!

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