Politik : Wo bleibt der öffentliche Druck?

Im Fall Osthoff gab es bislang keine Großdemonstrationen in Deutschland – man vertraut dem Krisenstab

Matthias Schlegel

Es war ein kleines Grüppchen von rund 50 Menschen, das sich am Freitagabend zu einer Mahnwache vor dem Rathaus im oberbayrischen Glonn versammelte. In diesem Ort hatte die im Irak entführte Susanne Osthoff einige Jahre gelebt. Bürgermeister Martin Esterl räumte ein, dass es schwierig sei, Menschen zu einer solchen öffentlichen Aktion zu bewegen – obwohl doch das Beispiel der entführten italienischen Journalistin Giuliana Sgrena gezeigt habe, was Protestkundgebungen zu Hause bewirken könnten.

In der Tat ist eine öffentliche Reaktion auf die Verschleppung der Deutschen kaum wahrnehmbar: Zwar richteten hochrangige Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft – allen voran Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), der für die Außen- und Sicherheitspolitik der EU zuständige Javier Solana, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland Paul Spiegel, die Parteichefs von Grünen und FDP, Claudia Roth und Guido Westerwelle, DGB-Chef Michael Sommer und andere – via „Bild am Sonntag“ einen Appell an die Täter, die Entführte sofort freizulassen. Doch anders als im Februar in Italien oder nach Entführungen französischer Staatsbürger gab es in Deutschland bisher keine machtvollen Demonstrationen, in denen die Bevölkerung ihre Solidarität mit dem Opfer zum Ausdruck brachte.

In den politischen Parteien hält man sich bewusst zurück: Man betrachte diese Angelegenheit als Sache der Regierung und vertraue ganz auf deren Geschick bei der Bewältigung der Krise, verlautete am Sonntag aus SPD-Vorstandskreisen. Dies sei ein hoch sensibles Thema, bei dem man niemandem gute Ratschläge geben oder dem Krisenstab in irgendeiner Form ins Handwerk pfuschen wolle, hieß es.

Auch der parlamentarische Geschäftsführer der Unionsfraktion im Bundestag, Eckart von Klaeden, ist der Meinung, dass es in der Bevölkerung „ein feines Gespür dafür gibt, dass die Bundesregierung alles ihr Mögliche unternimmt“. Vergleiche zu früheren Entführungsfällen von Italienern oder Franzosen verböten sich, weil man einfach zu wenig über die Täter wisse – ob sie aus politischen Gründen oder mit kriminellem Hintergrund handelten. Ob öffentlicher Druck den Vermittlungsbemühungen der Regierung eher nützen oder eher schaden würde, wollte ein Sprecher des Krisenstabes im Auswärtigen Amt nicht kommentieren. Priorität hätten allein die Betroffenen.

Selbst Vertreter islamischer Verbände in Deutschland, die die Entführung aufs Schärfste verurteilten, ordnen sich der Strategie der regierungsamtlichen Stellen unter: Zwar wären sie bereit, ihre Solidarität mit Susanne Osthoff auf Demonstrationen zu bekunden, doch mache man das abhängig von den Empfehlungen des Krisenstabes, sagte Nadeem Elyas vom Zentralrat der Muslime in Deutschland. Er bot der Regierung Unterstützung an.

Öffentliche Aktionen sind auf muslimischer Seite allerdings umstritten. Der Vizepräsident der Berliner Islamischen Föderation, Burhan Kesici, sagte der Nachrichtenagentur epd, er sei gegen Demonstrationen. Er befürchte, dass sich dabei auch Gruppen zu Wort melden könnten, die dem „berechtigten Anliegen nicht dienlich sind“. Und der Vorsitzende des Islamrates in Deutschland, Ali Kizilkaya, sagte der Agentur Reuters, eine Demonstration sei „in diesem Fall nicht unbedingt das geeignetste Mittel“. Die Entführer würden sich von Demonstrationen nicht beeindrucken lassen.Eine Protestveranstaltung von rund 100 Bürgern vorwiegend muslimischen Glaubens am Samstag in Offenbach war neben der Mahnwache in Glonn die bislang einzige öffentliche Kundgebung für Susanne Osthoff in Deutschland.

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