Politik : Wo bleibt die Hate Parade?

DER RENTENSTREIT

-

Von Christoph Amend

Was die Generation der Unter30-Jährigen derzeit beschäftigt: Verlieren im nächsten Jahr noch mehr Menschen in meinem Alter ihren Job? Und was wird aus mir? In den weniger ernsthaften Momenten fragt man sich vielleicht auch, welches Bond-Girl mehr Glamour ausstrahlt, Ursula Andress, heute Hollywood-Rentnerin, oder Halle Berry, die Neue an der Seite von 007. Doch bevor da ein Generationenkonflikt ausbricht, bleiben wir lieber in der Politik. Die drängendste Frage wird bei den Unter-30-Jährigen kaum diskutiert, und wenn, dann nur mit Achselzucken: Wer bezahlt meine Rente, wenn ich alt und grau und schwach bin?

Heute wird im Bundestag über die Erhöhung der Rentenbeiträge abgestimmt und aller Voraussicht nach beschlossen, die Alten zu schonen und die Jungen zu belasten. Eigentlich müssten 500 000 Angehörige der Generation unter 30 durchs Brandenburger Tor vor den Reichstag ziehen und eine „Hate-Parade“ veranstalten. Sie könnten sich eines Mottos bedienen, das der Generation Schröder-Fischer gut bekannt ist – nur unter neuen Vorzeichen: Trau keinem über 30 – sie wollen alle an dein Geld.

Man kann die Parlamentarier beruhigen, es wird nicht dazu kommen. Denn das Thema Rente gilt als uncool. Warum soll ich mich jetzt fragen, denken viele Junge, wie ich mein Leben in vierzig Jahren finanziere? In vierzig Jahren? Ich weiß ja nicht einmal, wie es in vier Jahren aussehen wird. Dazu kommt, dass die Rentendiskussion eine Ahnung nur noch einmal bestätigt, die die Jungen schon länger beschleicht: Vom Staat hast du nicht viel zu erwarten, du musst selber sehen, wie du durchkommst. Man wirft der Jugend von heute gerne Egoismus und soziale Kälte vor, und das sicher oft zu Recht. Aber vielleicht ist dieses Verhalten auch eine Reaktion auf mangelnde Solidarität der Älteren. Die vermitteln den Eindruck: Wer keine Ich-AG gründet, ist selber schuld.

Und im Parlament? Die innerparlamentarische Opposition der Jungen hat aufgemuckt, über Parteigrenzen hinweg. Und zum ersten Mal wackelte für kurze Zeit wegen einer Generationen-Frage eine Regierungskoalition. Abgeordnete wie die grüne Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt, 36, oder Carsten Schneider, 26, Haushaltsexperte der SPD, haben dafür gesorgt, dass nun eine Renten-Kommission eingesetzt wird. Eine Hoffnung – mehr nicht. Denn am besten illustriert ein Foto aus dem Parlament, geschossen vor wenigen Tagen, den Umgang der Mächtigen mit ihrem Nachwuchs. Da redet die 19-jährige Grüne Anna Lührmann auf Gerhard Schröder ein, doch der lacht sie nur an. Und neben dem Kanzler steht der Außenminister, skeptisch die Augenbrauen hochziehend.

Das Rentensystem funktioniert nicht mehr. Es gibt zu wenig Junge, die zahlen, und immer mehr Alte, die ihr gutes Recht haben, bezahlt zu werden. Niemand ist daran schuld, und gerecht wäre es, wenn alle sich gleichermaßen an einer Lösung beteiligen würden. Die Bundesregierung schont die Rentner, weil Anfang nächsten Jahres Wahlen anstehen. Hätte man nicht wenigstens versuchen können, Opa und Oma zu erklären, dass sie den Enkeln etwas Gutes tun können, wenn sie ein bisschen verzichten?

Die Generation zwischen Großeltern und Enkeln trägt die Verantwortung, weil sie es sich lieber mit ihren Kindern als mit ihren Eltern verderben will. Die Jungen haben sich angewöhnt zu behaupten, ihre Generation habe nicht rebellieren können, so verständnisvoll seien ihre Eltern gewesen. Sie haben sich getäuscht. Politik funktioniert über Widerstand, und die Jungen haben nicht gelernt, diesen zu leisten. Deshalb wird nun gegen ihre Interessen entschieden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar