Politik : Wo das Herz für den Kanzler schlägt

Schröder fordert die Basis zum Kämpfen auf und geißelt die „soziale Kälte“ der Union / Ovationen beim SPD-Parteitag

Tissy Bruns

Berlin - Mittendrin, er hat schon eine Stunde geredet, hält der Bundeskanzler ein kleines steuerpolitisches Seminar. Locker ans Rednerpult gelehnt, die Beine übereinander geschlagen, hält Gerhard Schröder ein Blatt Papier hoch. Eine Nachrichtenmeldung. Schröder liest vor, was „jener Herr“ über die Steuerlast einer Sekretärin vorgerechnet hat, die, – was der Saal schon mit leiser Heiterkeit quittiert – 40000 Euro im Jahr verdient. „Jener Herr“, den Schröder an anderer Stelle auch „jener Professor aus Heidelberg“ genannt hat, ist Paul Kirchhof, Finanzexperte in Angela Merkels Wahlkampfteam. Und im Berliner Hotel Estrel beim SPD-Parteitag der böse Geist, an dem sich alles reibt.

Kirchhof, so ergibt die kleine Lesung des Kanzlers, macht eine andere Rechnung auf als Merkels Fraktionsexperte für Steuern und Geld. Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) ist der Differenz nachgegangen und hat gefragt, ob es sich um eine verheiratete oder ledige, um eine Mutter oder kinderlose Sekretärin handelt. Nichts dergleichen, hat dpa aus dem Haus Kirchhof erfahren, es handle sich um die „Durchschnittssekretärin“. Hier kichern die Delegierten. Sie habe, referiert Schröder das Rechenmodell Kirchhofs, 1,3 Kinder und sei „zu einem gewissen Prozentsatz verheiratet.“ „Ja“, wendet sich Schröder nun wieder ganz den lachenden Delegierten zu: „Ja, is’ schon Grund zur Fröhlichkeit.“ Aber eben auch zum Nachdenken und für eine Frage – nämlich die: „Kann man einem solchen Menschen das Finanzministerium anvertrauen?“ Im Estrel erübrigt sich die Antwort.

Gerhard Schröder und die Sozialdemokraten in dieser Halle müssen sich nicht darüber unterhalten, was gemeint ist mit „einem solchen Menschen“. Es geht nicht darum, ob Kirchhof rechnen kann, sondern um den sonnenklaren Befund, dass er einfach nichts versteht vom Leben der kleinen Leute, der normalen Menschen – ganz anders als die SPD.

Ganz anders als die knapp 500 Delegierten und zahlreichen Gäste, als Schröder, Franz Müntefering, die Bundesminister oben auf der Bühne, die Ministerpräsidenten und die vielen jungen Leute vom „Jungen Team“, die mit ihren roten T-Shirts das Bild bestimmen. Zwanzig Tage vor der Bundestagswahl findet im Estrel keine „Rhapsody in blue“ statt, sondern eine entschlossene „Serenade in Rot“. Im Mittelpunkt: der Kanzler.

Die Inszenierung aus dem Willy- Brandt-Haus folgt dem Grundprinzip der Einfachheit. Vorführung des offiziellen SPD-Wahlkampf-Spots. Präsentation der Wähler-Initiativen im Vorprogramm. Von der Leinwand sagen Künstler, Sportler, Literatur-Nobelpreisträger, warum sie Schröder gut finden: vor allem, weil er dem Land den Irakkrieg erspart hat. Vom Rednerpult spricht, smart, jung, sympathisch, tatkräftig, Tim Renner, der Ex-Universal-Music-Chef, der Schröder eine große Ausgabe der Unterstützeranzeige in der „FAZ“ überreicht: „Starker Kanzler, starke Wirtschaft.“ Es spricht, nicht mehr jung, lebensklug und etwas rau, Eva Rühmkorf, Frauenrechtlerin der ersten Stunde. Am Ende ihrer Rede sieht man Gerhard Schröder im Kreise vieler Frauen. Und das kann er wie keiner: In die Runde schauen wie ein Junge, der gar nicht weiß, warum ihm so viel Gutes geschieht. Vor allem aber läuft im Vorprogramm der Porsche-Betriebsrat Uwe Hück, von dem man nicht sagen kann: Er spricht – Hück beherrscht noch die in der SPD fast ausgestorbene Kunst der politischen Agitation. Das Prinzip der Einfachheit funktioniert aber nur, weil es im Saal eine Antwort findet. Ob Künstler oder Renner, Sportler oder Hück, jede Äußerung ist ein Anlass zur spontanen Demonstration der Rothemden, für Beifall. Die roten Schilder („Der Mut ist links“) gehen hoch, die Stimmung im Saal auch.

Und dann: der Bundeskanzler, angekündigt als einer, der es ist und – „dafür kämpfen wir“ – der es auch bleiben soll nach dem 18. September. Schröder zeigt seiner Partei nicht zum ersten Mal, dass er kämpfen kann. Die Delegierten werden ihm in den anderthalb Stunden seiner vielleicht letzten Parteitagsrede wie nie zuvor zeigen, dass sie sich verstehen, dieser Bundeskanzler und die SPD. „Es war heute authentisch“, sagt ein junger Delegierter, „es war typisch sozialdemokratisch.“

„Wenn es darauf ankommt“, lautet Schröders erste Formel, auf die er immer wieder zurückkommt: Und es kommt darauf an. Denn es geht um eine „weitreichende Richtungsentscheidung, um unterschiedliche Gesellschaftskonzepte.“ Auf der einen Seite Merkel und Westerwelle, „die sich in Wahrheit von der sozialen Marktwirtschaft verabschieden wollen.“ Auf der anderen die SPD: „Wir wollen die Gesellschaft als Ganze zusammenhalten, das ist unsere gute Tradition.“

Auf diesem Parteitag, kurz vor Toresschluss, folgen die Delegierten Schröders Blick auf seine Regierungsleistung ohne Zorn, sondern mit Beifall, Jubel, und „mit Stolz“, den der Kanzler beschwört: 16 Jahre Kohl seien verschlafen worden, Deutschland galt als der kranke Mann Europas „und Frau Merkel war immer dabei“. Aber: „Wir haben mit der Erneuerung unseres Landes Ernst gemacht. Nur wir waren in der Lage, das zu schaffen, das durchzuhalten.“ Schröder sagt nicht, Hartz IV – er sagt, „wir“ haben mit der Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe180000 junge Leute aus der „Sozialhilfe-Karriere“ herausgeholt: „Hilfe zur Selbsthilfe, das ist doch Solidarität!“ Es stimme nicht, was auf CDU-Plakaten steht, dass jeden Tag sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze verloren gehen. „Die CDU lügt völlig dreist“. Kirchhof will die Rente wie die KFZ-Steuer organisieren? „Menschen sind keine Sache“, ruft Schröder in einen tosenden Saal. „Sie müssen anders behandelt werden als Sachen.“

Da braucht es nur noch „ein paar Bemerkungen zur erweiterten PDS“, deren Programm „völlig illusionär“ sei und deren Spitzenleute nur eins bewiesen hätten, „dass sie die Klamotten hinschmeißen, wenn es eng wird.“ Für Heinrich Pierer, Merkels Berater, reicht ein hingeworfenes „Heinrich, mir graust vor dir.“ Zum Schluss eine Bitte: „Sagt es den Leuten, sprecht mit ihnen. Lasst uns diesen Wurf gemeinsam machen.“ Der Saal erhebt sich nicht, er springt auf. Ganz am Ende, nach dem Parteilied, ein Sprechchor. „Schröder für Deutschland“. Der nächste Parteitag ist im November.

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