Politik : Wo der Staat sich verschuldet

Trotz niedriger Zinsen finden Bundes- und Länderanleihen offenbar ihre Käufer – zunehmend auch Zentralbanken. Und die Länder müssen sich stärker dem internationalen Kapitalmarkt öffnen.

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Gerade erst hat die Bundesbank die Aufstockung einer Bundesanleihe ausgeschrieben, deren Rückzahlung am 4. Juli 2044 fällig wird. Der Zins beträgt 2,5 Prozent. Man kommt derzeit ziemlich billig an Geld, wenn man Staat ist. Für eine immerhin nur bis 2023 laufende Anleihe bekam die Bundesrepublik vor einer Woche offenbar problemlos die gewünschte Summe von vier Milliarden Euro zusammen – trotz eines lächerlich geringen Zinses von nur 1,5 Prozent. Etwas mehr musste Sachsen- Anhalt in der abgelaufenen Woche bieten: 1,625 Prozent ebenfalls für zehn Jahre. Das Land nahm eine Milliarde Euro neu auf und konnte damit einen Teil seiner Schulden günstig refinanzieren. Gut für den Landeshaushalt.

Aber wer kauft eigentlich solche Anleihen, die bei einer Inflationsrate von zwei Prozent wie im Gesamtjahr 2012 eine negative Realrendite verzeichnen? Rechnen Investoren da mit einer langen Phase niedriger Inflation, gar mit Deflation? Oder ist es einfach Anlagenotstand, Verzweiflung, weil sichere, gute Anlagen immer weniger werden? Ein Trend, den der Internationale Währungsfonds im vorigen Jahr schon beklagt hat.

Wer also sind die Gläubiger des deutschen Staates? Gute Frage, lautet die Antwort gleich in einigen zuständigen Pressestellen. Denn man weiß es nicht so ganz genau. Jedenfalls bei den Anleihen. Wenn man bedenkt, was statistisch alles erfasst wird, ist dies schon leicht verwunderlich. Bei der Finanzagentur des Bundes heißt es, dass eine detaillierte Aufstellung kaum möglich sei. Die Anleihen werden häufig an Börsen gehandelt, wer dort kauft und verkauft, wird in aller Regel nicht veröffentlicht. Und Bundesanleihen sind eine gefragte Handelsware. Im Schnitt wird jedes Wertpapier des Bundes pro Jahr sechs Mal umgeschlagen. Auch über große Kunden, die möglicherweise die Papiere länger halten und mehr am (wenn auch dürftigen) Zins als am Kurs interessiert sind, erfährt man wenig. Im vorigen Jahr sickerte durch, dass die Schweizer Nationalbank (SNB) der größte Gläubiger Deutschlands sein dürfte, mit einem Anteil von sieben bis acht Prozent an den etwa 1,1 Billionen Euro, mit denen der Bund derzeit in der Kreide steht. Die SNB hält ihre Währungsreserven in Anleihen, und diese Reserven stiegen in den vergangenen Jahren, um den Kurs des Franken zu bremsen.

Zentralbanken scheinen in der Phase des Niedrigzinses ohnehin zu den besseren Kunden zu gehören, wie eine grobe Aufstellung der Finanzagentur für 2011 zeigt. Demnach waren diese am Sekundärmarkt (über die Börsen) mit einem Volumen von etwa hundert Milliarden Euro die größte Käufergruppe. Größere Umsätze entfielen nur noch auf die Asset Manager, also Investmentfonds. Versicherungen und Pensionsfonds fragen derzeit offenbar kaum nach.

Der Bund selber verkauft seine Anleihen nicht direkt an der Börse. Sie gehen zuerst an ein festgelegtes Konsortium von Bieterbanken, die dann wieder große Pakete weiterreichen oder in die eigenen Bücher nehmen. 2011 gaben sie Anleihen im Volumen von 157 Milliarden Euro weiter. Angeführt wird diese Bietergruppe von Morgan Stanley, Deutscher Bank und Goldman Sachs. Wo aber landen die weitergereichten Pakete? Da muss man suchen. Der zweitgrößte Pensionsfonds der Welt in Norwegen etwa weist aktuell eine Position von etwa 8,4 Milliarden Euro an Bundesanleihen aus. Der weitaus größte Anteil der Bundesschuld wird in Europa gehalten – insgesamt etwa 80 Prozent. Seit Einführung des Euro ist der Anteil gewachsen, weil Währungsrisiken entfielen.

Während der Bund sich vor allem über die Ausgabe von Wertpapieren verschuldet (sie machen fast 90 Prozent der Bundesschuld aus), ist bei den Bundesländern der Anteil der Anleihen deutlich geringer. Berlin zum Beispiel hat Wertpapierschulden in Höhe von 37,5 Milliarden Euro, das sind gut 60 Prozent der Gesamtschuld. Der Rest wird über direkte Kredite (sogenannte Schuldscheindarlehen) bei Banken, Sparkassen, Pensionskassen und Versicherungen gedeckt. Der Anteil dieser Finanzierungsform ist sehr unterschiedlich: Sie reicht von 39 Prozent (Nordrhein- Westfalen) über 44 Prozent (Brandenburg) und 47 Prozent (Baden-Württemberg) hin zu 75 Prozent (Bayern) und sogar 90 Prozent in Sachsen.

Die traditionelle Schuldscheinfinanzierung bei Inlandsbanken geht allerdings seit Jahren zurück. Die Nachfrage der Kreditinstitute lässt nach, was zum Teil auch an den niedrigen Zinsen liegt. Im Jahr 2000 lag der Anteil der Schuldscheindarlehen im Falle Berlins noch bei 87 Prozent. Heute müssen die Länder zunehmend börsengehandelte Wertpapiere ausgeben. Damit haben sie sich dem internationalen Kapitalmarkt geöffnet. Aber offenbar, siehe Sachsen-Anhalt, gibt es für die Anleihen trotz Minizinsen noch Kundschaft. Albert Funk

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