Politik : Wo der Strand den Fischen gehört

Sieben Stunden mit dem Bus von Rangun entfernt liegt im Westen Birmas Ngwe Saung, in das Touristen meist wegen seines 14 Kilometer langen Strandes fahren. Hier gibt es Hotels in praktisch allen Preisklassen, der Ort ist zwar auf Touristen eingestellt, aber recht einfach. Die Region drumherum ist noch ziemlich unberührt. Schon hinter dem letzten Hotel hört selbst das auf, was man landläufig eine Piste nennen würde. Wer den Weg gen Norden über die Holperstrecke nimmt, fährt durch saftig grüne Felder, vorbei an grasenden Büffeln, passiert die „Pagode des Weltfriedens“, bevor er nach Thazin kommt, wo selbst die Hauptstraße unbefestigt ist. Über verschlungene schmale Sandpfade geht es ans Wasser – beim Durchqueren des Klosters bitte selbst auf dem Moped die Schuhe ausziehen!

In Thazin ist der Strand eine große Fischtrocknungsanlage. Viele hier leben vom Meer. Von Oktober bis April schuften junge Mädchen und ziemlich junge Jungs, um die Fische zum Trocknen auszubringen, die die Fischer am Morgen an Land gebracht haben. Große Plastikkörbe mit den silbern glitzernden Körpern tragen sie am Holzjoch oder wuchten sie auf mittelalterlich anmutenden Holzkarren vom Dorfplatz gen Strand. Dort leeren junge Frauen die Körbe auf ein Bett aus Stroh und blauen Netzbahnen. Drei Tage werden die Fische trocknen. Die Frauen tragen Longyis, die traditionellen Wickelröcke, vor der unerbittlichen Sonne schützen die meisten den Kopf mit einem Bambushut, das Gesicht mit dem für Birma typischen Tanaka, einer gelblichen Paste, die als Schmuck und Sonnenschutz auf die Haut aufgetragen wird.

Hier arbeitet keine Großfamilie für ihr Auskommen, die jungen Menschen sind Angestellte eines Pächters. Die Arbeiterinnen stammen aus einem Ort einige Stunden weiter nördlich, zur Saison kommen sie nach Thazin. Für ihren schweißtreibenden Job bekommen sie umgerechnet 30 Dollar pro Monat. Den Küstenstreifen, auf dem sie arbeiten, habe er für drei Jahre gepachtet, erzählt der Pächter, ein Mann im Longyi, während er Betelnüsse kaut. Einen längeren Vertrag habe ihm niemand geben wollen. Vermutlich werde auch diese lang gezogene Bucht noch für Touristen erschlossen, wenn mehr Menschen in das noch immer vom Militär dominierte Land kommen. In den vergangenen Monaten sind die Touristenzahlen in Birma drastisch gestiegen, die Preise für sie gleich mit. Die Menschen in Thazin erzählen, Privatleute könnten in der Region ohnehin keinen Boden mehr kaufen, der gehöre längst Geschäftsleuten. Dazu zählen sie auch Tay Za, einen der wohl reichsten Männer des Landes, der schon zu den Cronies des alten Regimes gehörte. Auf ihn sind sie hier aber ganz gut zu sprechen. Tay Za habe vielen Menschen Arbeit verschafft.

In der ganzen Gegend leben die Menschen sehr einfach. Transportmittel an Land sind neben Trishaws Ochsenkarren oder Mopeds. Als Straße nutzen viele südlich von Ngwe Saung den kilometerlangen Strand, dort ist es wenigstens weitgehend eben und der Sand fest. Flußarme queren sie mit einer Fähre, die gerade mal zwei Mopeds fasst. Ein Fährmann zieht das Holzboot hockend an einem Seil übers Wasser, eine Strecke kostet umgerechnet 30 Cent. Das Geld kassiert eine alte Frau am Ufer. Ein paar Kilometer weiter am nächsten Fluss gibt es eine Holzbrücke. Aber jede Planke schaukelt, hier ist Absteigen und Schieben angesagt. Unterwegs ragt plötzlich ein einsames Windrad aus den Palmen.

Immer wieder stehen leuchtend weiße Säcke an Palmen oder Hütten gelehnt, darin stellen sie die Trockenfische zum Transport bereit. Die Silberlinge sind nicht zuletzt Grundlage für die Fischsoße, die zu fast jeder Mahlzeit gehört. Auch im nächsten Fischerort ist die ganze Produktion Handarbeit. Die Menschen leben in den typischen Hütten, die leicht erhöht stehen, die Wäsche trocknet zwischen den Bäumen. In der Nachmittagssonne wenden die Fischer rosa schimmernde Krabben, die sie am Strand ausgebreitet haben.

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