Politik : Wo die Legenden enden

Die Einheit ist 13 Jahre nach dem 9. November Normalität geworden – nur eine gemeinsame Erinnerung gibt es immer noch nicht

Richard Schröder

Es steht gut mit der deutschen Einheit. Ein Italiener hat bemerkt, die deutsche Einheit sei weiter vorangeschritten als die italienische. Auch die Belgier übrigens haben noch einiges vor sich, um den Stand der deutschen Einheit zu erreichen. Separatistische Tendenzen gibt es hier und da in Europa, bloß nicht in Deutschland. Man ist verschnupft, man streitet sich (mäßig), aber keiner will ausziehen. Nicht einmal die PDS fordert die Wiederherstellung der Zweistaatlichkeit. Sie weiß, warum nicht, und das macht ihre DDR-Verklärungen zweifelhaft.

Es steht gut mit der deutschen Einheit, aber wir haben offenbar Schwierigkeiten, sie zu feiern. Das belegen die regelmäßigen Dispute, ob der 3. Oktober der richtige Nationalfeiertag sei. Der 9. November, Tag der Maueröffnung, sei geeigneter, nicht obwohl, sondern weil das auch das Datum der Pogromnacht sei. Wie man das feiern kann, ist mir schleierhaft. Vormittags traurig in Schwarz und nachmittags lustig in Bunt? Manche Westler möchten zum 17. Juni zurückkehren, an dem sie bis ’89 bei Schönwettergarantie der getrennten Brüder und Schwestern gedachten. In Leipzig wird der 9. Oktober vorgeschlagen, der Tag der Montagsdemonstration, bei der die Gewalt vor Kerzen kapitulierte. Aber da waren die Ostdeutschen noch unter sich. Kurz: Alles scheint sich besser zum Nationalfeiertag zu eignen als der Tag, an dem wir uns tatsächlich vereinigt haben, der Tag, an dem Deutschland wieder gleichberechtigt in die Staatenwelt aufgenommen wurde, und zwar erstmals in seiner Geschichte in allseits anerkannten Grenzen. Das Glück hatten wir noch nie, aber wie wir nun einmal gestimmt sind, reicht uns das alles nicht zum Feiern.

Die zwölf Jahre Nazizeit sind in einem mühsamen und langwierigen Aufklärungsprozess von beschönigenden und verharmlosenden Legenden gereinigt worden. Über die höchst erfreulichen zwölf Jahre deutscher Einheit haben wir bis heute keine gemeinsame Erinnerung, keinen Erinnerungskonsens gebildet. Stattdessen geistern unter uns Einigungslegenden, schwarz-weiß verzerrte Erinnerungsbilder, die uns mehr trennen als verbinden. Sie trennen nicht unbedingt Ost und West, manchmal trennen sie auch Ost und Ost. Fünf solcher Legenden will ich kritisch unter die Lupe nehmen.

Die Legende vom Postnationalismus

Das ist eine Westlegende. Sie besagte vor 1989: Die Bundesrepublik sei ein Staat, der auf einem postnationalen Konsens beruhe. Dass er auf einem gesellschaftlichen Konsens beruhte und dieser nicht der nationale sein konnte, war ja richtig. Eigentümlich war nur das „post“, denn das hieß zugleich: uns fehlt nichts. Über die Nation sind wir hinaus. Uns Ostdeutschen begegnete diese Legende 1990 in dem westlichen Bekenntnis: „Ich fühle mich nicht als Deutscher“, „Ich bin Europäer“.

„Ich fühle mich nicht als Deutscher.“ Wenn jemand sagt, „Ich fühle mich nicht als Vater“, fragen wir, ob er Kinder hat oder nicht. Hat er welche, stimmt etwas mit seinen Gefühlen nicht. „Ich bin Europäer.“ Das ist ebenso richtig wie der Satz „Ich bin Mensch.“ Doch Europa ist keine Nation, sondern der Kontinent der Nationen, die zu einem Staatenbund zusammenrücken. Für eine Nation namens Europa ist derzeit nur noch auf dem Wasser Platz. Das Land ist vollständig an Nationen verteilt. Diejenigen, die bekennen „Ich bin Europäer – und nicht Deutscher“, müssen sich zweierlei vorhalten lassen. Ihr flieht bloß vor der Aufgabe, einer Nation zuzugehören. Und bei den Nachbarn kommt das gar nicht gut an: postnational. „Ihr wollt wohl behaupten, wir, die Polen, Dänen oder Franzosen, seien zurückgeblieben, weil wir als Polen, Dänen oder Franzosen zu Europa gehören wollen.“

Der einzige Einigungswitz, den ich kenne, geht so: Der Ostdeutsche ruft: „Wir sind ein Volk!“ Der Westdeutsche murmelt: „Wir auch.“

Die Legende von der harmlosen DDR

Immer wieder gibt es Auseinandersetzungen um die Beurteilung der DDR. Die Einen, meist Westdeutsche, sagen: Das war eine Diktatur, vergleichbar mit der Nazizeit. Die Anderen, meist Ostdeutsche, weisen das empört zurück und sehen sich durch solche Urteile diskriminiert. Warum eigentlich? Warum identifiziert ihr euch so mit der SED-Herrschaft, dass ihr solche Kritik persönlich nehmt? Manchmal allerdings ist sie wahrscheinlich auch persönlich gemeint: Ihr Ostdeutschen habt die Diktatur geduldet, wir widerstandserfahrenen Westdeutschen hätten sie selbstverständlich gestürzt. Die Ahnungslosen. Das heißt den Zufall des westlichen Wohnorts zum Verdienst erheben.

Die Nazizeit und die SED-Diktatur, das sind allerdings zwei Paar Schuhe. Aber Vorsicht. Vergleichen wir einmal das Jahr 1937 mit dem Jahr 1970. Keine Arbeitslosen, ein Urlaubsprogramm für die arbeitende Bevölkerung, Kraft durch Freude dort, FDGB-Feriendienst hier genannt, die Aussicht auf ein eigenes Auto, Volkswagen dort, Trabant hier, und das Gefühl: Es geht bergauf. Ja, es gab Bevölkerungsgruppen, die diskriminiert wurden, die Rassenfeinde dort, die Klassenfeinde hier, aber das war doch eine Minderheit, die Mehrzahl der Bevölkerung war doch einigermaßen zufrieden. 1937 hatte der Zweite Weltkrieg bekanntlich noch nicht begonnen. Die Olympischen Spiele hatten gerade stattgefunden. Die Vernichtungslager waren noch nicht erfunden. Aber die Weichen waren bereits gestellt. Denn die Grundrechte waren längst kassiert, die Einparteienherrschaft war installiert, die öffentliche Meinung durch Propaganda manipuliert – wie in der DDR 1970. Die Dramatisierung der Nazizeit, die die Jahre vor 1939 auslässt, ist zugleich ihre Verharmlosung. Diktatoren unterdrücken die Freiheit und ihre politischen Gegner, aber die Masse der Bevölkerung möchten sie auf ihrer Seite haben.

Nach 1945 haben viele Westdeutsche erklärt, die Idee des Nationalsozialismus war gut, nur die Durchführung war schlecht. Genauso sagen nicht wenige im Osten, die Idee des Sozialismus war gut, nur die Durchführung schlecht. Das ist dieselbe Blindheit gegenüber dem Hauptübel des Diktatorischen, der Verachtung von Recht und Freiheit. Die muss nicht blutrünstig daherkommen, sie kann sich auch als wohltätig verkleiden. Wer heute sagt, es war doch nicht alles schlecht in der DDR, der hat zwar Recht. Aber wenn er sich nicht dem Vorwurf der Blindheit gegenüber dem Diktatorischen aussetzen will, muss er hinzusetzen: Die Verachtung von Recht und Freiheit, die war aber schlecht.

Die Kolonialisierungslegende

Der Westen, heißt es, habe den Osten kolonialisiert. Es verwundert nicht, dass diese Auffassung in der PDS verbreitet ist. Denn dort gibt es ja viele, die das Ende der SED-Herrschaft traumatisch erlebt haben, als Verlust ihres Einflusses. Sie suchen einen Schuldigen für diese Kränkung und finden ihn in dieser Behauptung: Der Westen hat uns okkupiert, überrollt, überfremdet. Gregor Gysi hat in seinem Buch ausgeführt, wie der Westen die ostdeutschen Eliten verdrängt habe, um westdeutschem Mittelmaß Platz zu machen. Die Stasiüberprüfungen seien eines der Instrumente für diesen Zweck gewesen.

Erstaunlicherweise wird die Kolonialismuslegende auch von nicht wenigen Westdeutschen akzeptiert, und zwar schuldbewusst: Wir haben denen unsere Ordnungen übergestülpt. Wir haben ihnen die Möglichkeit genommen, etwas Eigenes zu schaffen.

Es ist richtig, dass die DDR durch den Beitritt Ordnungen der Bundesrepublik übernommen hat, einschließlich ihrer reformbedürftigen Teile. Es ist richtig, dass diese gewaltige Umstellungsleistung von Ostdeutschen auch als Überforderung erlebt worden ist. Drittens ist es auch richtig, dass nach dem 3. Oktober 1990 sehr viele Westdeutsche leitende Aufgaben übernommen haben, in der Justiz, in der Verwaltung, in der Wirtschaft.

Bloß: Das alles haben die Westdeutschen den Ostdeutschen nicht aufgezwungen, das war die Konsequenz des Beitritts – und den haben wir gewollt. Es war auch nicht so, dass bei den Verhandlungen über den Einigungsvertrag die westliche Seite verlangt hätte, „alles wird wie bei uns“, und die östliche vergebens dagegen gehalten hätte. Und es war die frei gewählte Volkskammer, die die Stasiüberprüfungen gefordert und eingeführt hat.

Im Laufe des Jahres 1990 wurde auch deutlich, daß wir die Hilfe des Westens brauchten, wenn wir nicht in eine chaotische Übergangsphase geraten wollten. Ohne die enorme Amtshilfe wäre der schnelle Aufbau einer handlungsfähigen Verwaltung und Justiz nicht möglich gewesen. Dass dabei auch ein paar Westdeutsche Karrieren im Osten gemacht haben, ist wohl wahr. Bei großen Umwälzungen gibt es immer ein paar Nutznießer. Viel größer war aber die Zahl derjenigen, die den Ruhestand unterbrochen und sich der Aufbauarbeit im Osten zur Verfügung gestellt haben. Andere haben ihre Zelte im Westen abgebrochen und sind ganz in den Osten gezogen. Das hieß Abschied von Freunden und Bekannten und anfangs auch Verzicht auf einige Annehmlichkeiten. Das alles heißt doch nicht, dass die Ostdeutschen dümmer sind. Wir hatten nur leider anderes gelernt, als wir jetzt brauchen, und uns im Übrigen als Weltmeister im Umlernen erwiesen.

Die Umdeutung der posttotalitären Situation in eine kolonialistische schreibt die Geschichte des Herbstes 1989 um. Die Perspektive derer, die damals auf die Straße gingen, das Ende der SED-Herrschaft und die deutsche Einheit forderten, wird verdrängt zugunsten der Perspektive derjenigen, die dem Untergang der DDR nachtrauern, weil er ihnen einen Prestigeverlust eingebracht hat und die Last, nicht Recht gehabt zu haben.

Die Treuhandlegende

Sie besagt: Der Westen hat unsere Wirtschaft ruiniert und das östliche Volksvermögen Westdeutschen zugespielt. Doch in Wahrheit war es die SED, die ihre Wirtschaft durch Misswirtschaft in den Ruin gefahren hat. Zu DDR-Zeiten war das kein Geheimnis.

Es ist schon richtig, dass bei der Privatisierung der DDR-Wirtschaft manche Versprechen von Investoren nicht eingehalten wurden. Schlechte Beispiele sprechen sich in Windeseile herum, gute nicht. Dass viele im Osten den Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft bis heute als unverdient betrachten, ist ja nachvollziehbar, wenn auch verkehrt. Nicht wenige Westdeutsche sagen aber auch: Der ökonomische Teil der deutschen Einheit, das war eine Serie von Fehlentscheidungen. Es ist eine Art von habitueller Besserwisserei, die sich nicht in Einzelheiten vertiefen muss. Wenn diese beiden Kritiker aufeinander treffen, der blasierte Westdeutsche und der gekränkte Ostdeutsche, sind sie keineswegs ein Herz und eine Seele. Wenn der Ostdeutsche sagt, ihr habt unsere Wirtschaft ruiniert, schaltet der Westdeutsche um. Er merkt, dass aus dem blasierten „war doch dilettantisch“ Regressansprüche folgen. Er schwenkt um auf Verteidigung. Wir sollen eure Wirtschaft ruiniert haben? Das war doch alles nur noch ein Schrotthaufen.

Das kommt davon, dass wir uns um die Anstrengung drücken, zu einer gemeinsamen Erinnerung des Einigungsprozesses zu finden. Ein Grund dafür, den ich öfter gehört habe, lautet: Das reißt nur alte Wunden auf und bringt allein der PDS Pluspunkte. Das ist Feigheit vor dem Publikum und unterfordert die Ostdeutschen. Es muss ja nicht behauptet werden, dass der ökonomische Einigungsprozess optimal gelaufen ist. Das war nicht zu erwarten, denn das war eine Nullserie, und die westlichen Kenntnisse der östlichen Wirtschaft waren teils lückenhaft, teils geschönt. Es lässt sich aber zeigen, dass der Prozess passabel gelaufen ist und dass die Härten dieses Prozesses, die in anderen ehemals sozialistischen Ländern viel schärfer durchgeschlagen sind, mit erheblichem finanziellen Aufwand abgefedert wurden.

Legende vom rechtsradikalen Osten

Die Gründe für dieses Urteil sind bekannt. Es ist die dreimal höhere jugendliche Gewalt gegen Ausländer im Osten und der dreimal höhere Zulauf, den dort gewaltbereite Skinheads finden. Und trotzdem ist das Urteil, der Osten sei rechtsradikal, eine Legende. Was für Auswirkungen diese haben kann, haben wir im Fall Sebnitz erlebt. Rechtsextreme Parteien haben im Westen weit mehr Mitglieder und größere Wahlerfolge aufzuweisen. Die jugendliche Gewalttätigkeit im Osten stammt aus der Desorientierung der posttotalitären Situation, aus dem verbreiteten Gefühl, im Prozess der deutschen Einigung zu kurz gekommen und Bürger zweiter Klasse zu sein, aus Überfremdungsängsten und Sozialneid. Und dazu der Wille zur Provokation, wozu sich Nazisymbole besonders eignen.

Das alles ist wahrhaftig nicht harmlos. Mit Rechtsradikalismus und Neonazismus hat das nur sekundär zu tun. Wer das behauptet, zieht sich leicht den Vorwurf der Verharmlosung zu. Aber neben der Pest gibt es die Cholera, und wenn die verwechselt werden, müssen alle Therapieversuche scheitern.

Wir müssen unterscheiden:

a) Gewalttätige Skinheads und verrohte Jugendliche, die gewaltverherrlichende CDs genießen und nicht selten unter Alkohol Ausländer, Behinderte, Obdachlose verfolgen oder gar zu Tode prügeln. Davon gibt es, auf die Bevölkerungszahl bezogen, dreimal mehr im Osten als im Westen. Sie sind gefährlich für die Opfer, aber nicht für den Staat.

b) Diejenigen, die mit Nazisymbolen provozieren wollen. Sie suchen die Öffentlichkeit und erreichen ihren Zweck, wenn jeder Vorfall zum Medienereignis wird.

Wir haben uns angewöhnt, beide Gruppen rechtsradikal zu nennen. Das Berechtigte daran ist ihre Illiberalität und ihre Ausländerfeindlichkeit. Aber dagegen spricht, dass sie kein Interesse an „Ideologie“ zeigen. Ganz anders die dritte Gruppe,

c) der politische Rechtsextremismus, also NPD, DVU, Republikaner. Die überwiegende Zahl ihrer Mitglieder sind Westdeutsche, nämlich zwischen 80 und 95 Prozent.

Die NPD versucht, namentlich in Sachsen unter den Skinheads zu werben. Was sie aus taktischen Gründen fordert, ist: keine Gewalt. Denn sie will, was viel gefährlicher ist, politische Macht, also Zustimmung der Bevölkerung erlangen – deshalb ein „diszipliniertes“ Auftreten. Die rechtsextremen Parteien haben aber keine Chance auf relevante Wahlerfolge. Wachsamkeit ist dennoch geboten.

Die Debatte um die, wie man sträflich verkürzend sagt: rechte Gefahr, die im Sommer 2000 die Medien beschäftigte und im Sebnitz-Desaster endete, war ausgelöst durch einen bis heute unaufgeklärten Sprengstoffanschlag in Düsseldorf und den Anschlag auf eine Düsseldorfer Synagoge, der aus anti-israelischen Motiven von Arabischstämmigen verübt worden war. Jeder weiß, wo Düsseldorf liegt. Trotzdem wurde es eine Debatte über Rechtsradikale im Osten. Da zeigt sich eine irrationale Angst vor der Wiederholung der Nazizeit, die angesichts der tatsächlichen politischen Verhältnisse Züge von Gespensterfurcht trägt. Gespensterfurcht ist doppelt gefährlich. Sie macht ein Haus, in dem man gut leben könnte, unheimlich. Und sie macht angesichts der eingebildeten furchtbaren Gefahr blind für die kleineren, gleichwohl ernst zu nehmenden Gefahren anderer Art. Und dann ist da noch das Sündenbocksyndrom im Spiel. Düsseldorf ist schlimm, aber die da drüben im Osten, die sind ja noch viel schlimmer.

Die jetzt heranwachsende Generation hat die deutsche Teilung nicht mehr erlebt. Die deutsche Einheit ist für sie Normalität, und das ist gut so. Wenn sie aber nun fragen: Und wie war das eigentlich damals in der DDR und 1989 im Herbst und 1990? Was wollen wir ihnen dann erzählen? Lasst uns bloß nicht diese Legenden auftischen.

Richard Schröder ist Professor für Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

0 Kommentare

Neuester Kommentar