Politik : Wo die Welt in Ordnung ist

Heimat braucht jeder. Aber warum eigentlich ohne Hirschgeweih und Alpenglühen? Über die Renaissance eines schönen deutschen Wortes

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19. Jhr.
19. Jhr.

Ei, das Hermännsche. Das Hermännsche und die Maria und der Anton und all die andern aus Schabbach im Hunsrück, sie haben uns die Heimat zurückgegeben. Uns, den aufgeklärten Studenten der 80er Jahre, die nie auf dem Dorf gelebt hatten. Und schon gar nicht in einem, in dem man eine so komische Sprache sprach.

Heimat. Der Titel der Filmchronik in elf Teilen und 63 Jahren war ein Schock. Heimat war kitschig, faschistisch und reaktionär, war durch Film und Schlagergesang, Vertriebenenverbände und Blut & Boden-Propaganda besetzt. Das Wort war nicht mehr zu gebrauchen. „Ein Schreckenswort“ hat es Renate Künast genannt.

Und dann kam dieser progressive Regisseur und nannte seine Chronik, ausgerechnet!, „Heimat“, wozu ihn, wie Edgar Reitz beim Gespräch im Berliner Literaturhauscafé erzählt, Bernd Eichinger ermuntert hat. Der Film erzählte davon, dass Heimat sehr viel komplizierter ist als die Ideologen, egal ob rechts oder links, behaupteten. Dass sie Enge und Geborgenheit bedeuten kann. Dass das Leben ein ewiges Weggehen und Wiederkommen ist.

Heimat, sagt der 79-Jährige, der als junger Mann dem Hunsrück gen München entfloh, wo er heute noch lebt, „das ist doch ein schönes deutsche Wort“. Schon wie das klingt, so weich. Nicht viele Sprachen können so differenzieren, zwischen Heimat und Zuhause.

Die Filmchronik von 1984 war ein Wendepunkt, die Resonanz überwältigend. Es war, so Reitz, als hätte der Film etwas wiederbelebt, was in den Seelen verschüttet war, und zwar weit über die Grenzen des Hunsrücks hinaus. Ein Exportschlager war der Film nämlich auch, noch heute kann man ihn als Raubkopie in Schanghai am Kiosk kaufen. Das deutsche Wort ging um die Welt.

Und kam zu uns zurück. Ein Vierteljahrhundert nach der Ausstrahlung des ersten Teils, dem zwei weitere folgten, ist überall Heimat, auf Joghurtbechern, Fußmatten und Schlüsselanhängern. Das urbane Volkstheater von heute heißt „Heimathafen Neukölln“, junge Künstler aus dem Ruhrgebiet schließen sich zum „Heimatdesign“ zusammen. „Heimat“ hat die „Hör Zu“ ihren neuen Ableger genannt (Untertitel: „So schön ist Deutschland“), wobei Heimat hier überwiegend auf dem Land liegt, „Wo die Welt noch in Ordnung ist“. Selbst wenn das Land Gorleben heißt, die Atomkraftgegner werden in hübschen Gärten und Höfen fotografiert.

„Heimat braucht jeder“, stellt Verena Schmitt-Roschmann als Motto an den Anfang ihres 2010 erschienenen Buches über die „Neuentdeckung eines verpönten Gefühls“, und setzt hinzu, als müsse sie sich doch für ihr Thema entschuldigen: „Aber bitte ohne Hirschgeweih und Alpenglühen.“ Doch gerade dort, wo Berlin am coolsten ist, in Mitte und Prenzlauer Berg, sind selbst die erlaubt. „Alpenstück“ heißt ein angesagtes Restaurant, in dem eine Wand ganz aus Holzscheiten besteht, zarte Hirschgeweihe hängen in Kneipen, die sich Wohnzimmer nennen und auch so aussehen, mit Retrotapeten im Blümchenschick. Wer sich so was für zu Hause kaufen will, findet es bei „Heimatgrün“ in der Bötzowstraße. Ist ja alles lustig gemeint.

Aber die Ironie hält sich in Grenzen. Denn auch die neue Heimat ist das, was die alte schon immer war – oder fast immer, denn ganz am Anfang war es einfach ein juristischer Begriff, der das Gebiet bezeichnete, in dem jemand, der Grund und Boden besaß, Geschäfte machen durfte und Versorgungsansprüche besaß, wobei keineswegs jeder dieses Privileg genoss, eine tiefe Sehnsucht.

Der Grund für die Renaissance ist leicht zu benennen. Der Preis der Globalisierung ist die Entwurzelung. Wer morgens zum Termin nach London und abends zurück nach Berlin jettet oder Hunderte von Kilometern weit zur Arbeit pendelt, und zwischendurch E-Mails nach New York verschickt, die in Sekunden ihr Ziel erreichen, der geht sich schnell selbst verloren. Die Charité hat eine eigene ethnopsychiatrische, salopp Heimweh-Ambulanz genannte Station, in der neben den Heimat-Vertriebenen von heute, aus Ruanda oder dem Kosovo, auch Manager behandelt werden, die von einem Flugzeug ins andere steigen.

Die Welt ist ein Dorf, so heißt es. Aber vor allem ein virtuelles. Umso größer das Bedürfnis, in einem realen Dorf, im Kiez verankert zu sein. Hauptsache Region, heißt die Devise, selbst wenn es gar nicht die eigene ist. Eifel-Krimis werden auch in Hamburg gern gelesen, die österreichische Küche wurde in Berlin, mangels eigener schmackhafter Tradition, in den letzten Jahren kurzerhand eingemeindet. Ansonsten, Maultaschen tun’s auch.

Für eine Generation, die in Thailand Urlaub macht, in Madrid studiert und beim Vietnamesen zu Mittag isst, hat die Enge der Heimat ihren Schrecken längst verloren. So gründeten drei junge Werber, Matthias von Bechtolsheim, Guido Heffels und Andreas Mengele 1999 ihre Agentur „Heimat“. Nur die Generation der Eltern äußerte Bedenken, ob sie sich das auch gut überlegt hätten. Hatten sie. Mit dem Namen „Heimat“ erreichten sie, was sie wollten: Aufmerksamkeit. Die mittlerweile vielfach preisgekrönte, international agierende Agentur, deren Kult gewordenen Kampagnen für Hornbach bewiesen haben, dass Heimat und Humor sich heute nicht mehr ausschließen, gehört längst zu den erfolgreichsten im Land. Und jeder der 72 Mitarbeiter zeigt mit einem Foto auf seiner Visitenkarte, was für ihn Heimat bedeutet. Das kann ein Blumentopf sein, ein zerwühltes Bett oder ein Heizkörper als Symbol für wohlige Wärme. Eher selten sieht man mal die Spitze des Kölner Doms.

„Heimat ist kein Ort“, hat Herbert Grönemeyer im Jahr der Agenturgründung gesungen, „Heimat ist ein Gefühl“. Es geht nicht mehr ums große Vaterland, sondern um eine individuelle Emotion. „Ein Gefühl, das keinen kalt lässt,“ wie Matthias von Bechtolsheim sagt. Kommunikation, das ist das Geschäft der Werbeagentur. Und die Visitenkarten sorgen sofort für Gesprächsstoff. Jeder will wissen, welche Geschichte hinter dem Blumentopf steht, und überlegt, was für ihn selber Heimat bedeutet.

Wer selber anderen diese Frage stellt, bekommt viele Antworten. Familie. Freunde. Sprache. Werte. Landschaft. Oder Kartoffelbrei. „Comfort food“ erlebt schon seit Jahren eine Renaissance, transportiert es einen doch allein durch seinen Duft im Nu in die Kindheit zurück. Für Flüchtlinge ist es oft das Einzige, was sie mitnehmen können, die Erinnerung an die Rezepte, mit deren Hilfe sie sich im Exil zurück in die Heimat beamen können.

„Heimat-Food“ hat der Münchener Sternekoch Karl Ederer sein neues Buch genannt. Darin serviert er natürlich nicht einfach alte Hausmannskost, sondern Weltläufigkeit verbunden mit Lokalkolorit, bayerischen Kalbskopf auf mediterrane Art und Rhabarberkompott zu gebratenen Garnelen. Im Hunsrück nach dem Ersten Weltkrieg gab es für Filmfigur Paul Simon nur entweder-oder. Bleiben oder Gehen. Heute passt, zumindest im Kochtopf, beides zusammen, Abenteuer und Geborgenheit.

„Heimat“, für die Gründer der Werbeagentur ist der Name kein explizites Bekenntnis zu Berlin. Und doch wirkt der Standort am Oranienplatz ganz passend. Denn hier, im tiefen Kreuzberg, tobten in den 70er, 80er Jahren die Hausbesetzerschlachten. Die Linken und Alternativen waren ja die größten Heimatschützer überhaupt, lange bevor der Begriff in Mode kam. Lange auch, bevor sie ihn selbst benutzt hätten. Sie waren es, die viele Altbauten vor dem Abriss retteten – sonst sähe halb Kreuzberg heute aus wie am Kottbusser Tor –, sie demonstrierten gegen die Startbahn West, gegen Atomkraftwerke, gegen all das, was ihre Umwelt zu zerstören drohte, nicht zuletzt die industrialisierte Landwirtschaft. Heute sind saisonal und regional das Mantra der guten Küche, bezieht der fortschrittliche Berliner seine Milch natürlich von der Brandenburger Biokuh.

Neu ist das nicht. Erst wenn die Heimat bedroht ist oder verloren geht, wird sie für viele als solche erkennbar. Heimweh, hat der Tübinger Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger – ein Heimatforscher der besonderen Art, der mit Kritik und Humor das Schwäbische als Thema der modernen Wissenschaft entdeckte und dabei die Volkskunde neu erfand – herausgefunden, wurde wie eine Krankheit behandelt noch bevor Heimat selbst ein Thema war.

Martin Roth, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, gehört zu denen, die in den 70er, 80er Jahren an Bausingers Tübinger Institut für Empirische Kulturwissenschaft studierten. Im Kleinen das Große zu erforschen, gerade das hat ihn gereizt. Seine Dissertation widmete er den Heimatmuseen, die, so Roth, im 19. Jahrhundert entstanden – als Antwort auf die Industrialisierung, die viele Menschen vom Land in die Stadt trieb. Als Versuch, zumindest die Relikte dessen zu bewahren, was endgültig zu verschwinden drohte. Oft wird Heimat am leichtesten greifbar durch ihr Gegenteil. Die Fremde, der Fremde, das Fremde. Das eine hängt mit dem anderen immer zusammen. „Fremde Heimat“, so heißt ein Film über „das Schicksal der Vertriebenen nach 1945“ (der jetzt, am 14. März, in der ARD ausgestrahlt wird), so lautet auch der Titel des Buchs dazu.

Heimat braucht – auch – die Distanz. Als Studentin in Amerika, sagt die Schriftstellerin Zsuzsa Bank, habe sie die große Sehnsucht nach Deutschland überkommen, erst dort habe sie gemerkt, wie zentral die deutsche Sprache für sie ist. „Ich fühlte mich wie amputiert. Das war grausam, dass ich nicht mehr Herrin in meinem Sprachhaus bin.“ Manchmal muss man auch gar nicht selber weggehen, es reicht wenn andere kommen. Luis Trenker, der wie kein anderer den deutschen Heimatfilm verkörpert (der fast immer ein Bergfilm war), hat einmal erklärt, dass der Berg früher für die, die dort leben, bestenfalls selbstverständlich, schlimmstenfalls bedrohlich war, erst durch die Touristen, die die Bergwelt so bewunderten, hätten sie diese plötzlich mit anderen Augen betrachtet.

Auch für meine Generation war Heimat einmal ein harmloses Wort. Als wir klein waren, in den 60er Jahren, haben wir im Heimatkundeunterricht gelernt, wie im Ruhrgebiet die Kohle abgebaut wird und welche Vögel in den Bäumen zwitschern. Kurze Zeit später wurde das Fach in Sachkunde umgetauft. Nüchterner geht’s nicht. Und den Kindern wurde der Dialekt ausgetrieben. Dieser Gefühlsentzug hat am Ende mit zu dieser großen Sehnsucht und damit zur Renaissance des Begriffs geführt.

„Heimatkunde“, so hat der Schriftsteller Andreas Maier sein im letzten Jahr bei Suhrkamp erschienenes Kolumnen-Buch „Onkel J.“ im Untertitel genannt. Fast zeitgleich veröffentlichte er seinen Roman „Zimmer“, dessen Hauptfigur der nicht sehr sympathische Onkel J. ist. Das Buch ist der Auftakt einer auf elf Folgen angelegten Chronik aus der hessischen Wetterau, mit der er Edgar Reitz’ legendäres Fernsehepos überflügeln könne, wie die FAZ prognostizierte. Der 43-jährige Maier, den die Filme von Reitz so stark geprägt haben wie die Romane von Arnold Stadler, hat von Anfang an von der Wetterau geschrieben. Nachdem er immer wieder von den Kritikern als Heimatdichter bezeichnet und von Lesern gefragt wurde, ob er denn wirklich einer sei, sagte er irgendwann: Ja! Wenn schon, wollte er den Titel auch selbst besetzen.

Heimat, hat Hejo Emons, in dessen Kölner Verlag ebenfalls eine „Heimatkunde“ (ein junger Kölnführer) sowie etliche Regionalkrimis erschienen sind, als junger Soziologiestudent gelernt, Heimat wurde einmal als das definiert, was man zu Fuß erreichen kann. Der alltägliche Radius von Andreas Maier beträgt fünf, sechs Kilometer. Ins Flugzeug steigt der 43-Jährige nicht, das Autofahren hat er längst aufgegeben. Er sei, so sagt der Schriftsteller im Gespräch, einer, der sich sehr schnell zu Hause fühlt, selbst in Rom, wo er ein Jahr als Stipendiat der Villa Massimo lebte. Gerade weil er zu Fuß geht. „Ich muss.“ Deswegen ist er vor zwei Jahren aus der Wetterau wieder nach Frankfurt gezogen, „ein irrer Heimatverlust“. Weil er beim Laufen ständig auf die Ortsumgehung stieß, die in seinen Büchern immer wieder auftaucht, jene Straße, die sich wie ein Ring um seine Heimat schließt, ihr die Luft zu nehmen scheint.

Aber egal, wie sich der Ort verändert, das Gefühl bleibt. Wenn Maier in die Wetterau zurückkehrt, ist das für ihn spürbar „im winzigsten Details des Gesprächs, auch wenn die Leute ganz anders sind als ich, wir sind auf dieselbe Weise eingeschwungen.“ Es ist dieses „Sichwiedererkennen im anderen“, wie es Martin Roth beschreibt.

Heimat, in der Sprache der Heimatverbände war das ein geografisch fest umrissener Ort, für immer eingefroren in den Grenzen von 1936. Aber schon Edgar Reitz hat gezeigt, dass sie nichts ist, was auf ewig so bleibt. Heimat ist ein dynamischer Prozess. Auch Deutschland hat sich in den letzten Jahrzehnten durch all jene, die ihre eigene Heimat verlassen haben, von Grund auf verändert. Am Ende der Ersten Heimat reißt Ernst Simon Türen und Fenster aus den alten Häusern im Dorf und ersetzt sie durch kalte Aluminiumprodukte, die er mit dem Duft von altem Holz besprüht, während er die Originale teuer an Hamburger Kneipen verkauft. Heimat als Folklore. Heute würde man wahrscheinlich alles tun, um die alten Fenster wiederzufinden und von Neuem einzubauen.

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